Exkurs:
Deutsches Kaiserreich
von 1871 bis 1918


Wer die Vergangenheit nicht kennt,
wann die Gegenwart nicht verstehen.
Wer die Gegenwart nicht versteht,
kann die Zukunft nicht gestalten.

George Santayana
1863-1952



Was war das eigentlich für eine Zeit ... die Jahre zwischen 1871 und 1918, also die Kaiserzeit in Deutschland. Ich kann mir das heute gar nicht vorstellen, was seinerzeit in den Köpfen der Menschen passierte. Wenige Familien beherrschten das Land und bündelten alle Macht; sie waren nicht einmal vom Volk gewählt, sondern leiteten den Anspruch vom Erbrecht ab.

Kennst Du den DEFA-Film Der Untertan aus dem Jahr 1951 nach dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann. Ich musste ihn mir in der Schule ansehen, um dann darüber einen Test schreiben zu dürfen. Ich schweife ab ... das gehört hier nicht her. Auf jeden Fall wird in dem Film anschaulich das gezeigt, was ich mir heute kaum noch vorstellen kann. Eine Herrscherelite bestimmt über das Wohl und Weh der Menschen. Und diese jubeln ihnen dafür auch noch besonnen zu. Insbesondere das Bürgertum huldigte und buckelte vor dem Kaiser und seinen Sprösslingen. Und da gab es noch die Arbeiterschicht. Arm und ausgebeutet schufteten sie tagein und tagaus in Fabriken unter schwersten Bedingungen. Die Tuberkulose wütete in Deutschland und war der häufigste Grund für Todesfälle der Menschen zwischen 20 und 40 Jahre. Und sie jubelten. Vielleicht nicht alle, aber genug. Und alle zogen später mit fröhlichem Singen und Blumen im Knopfloch in den millionenfachen Tod, den der Erste Weltkrieg mit sich brachte.

Doch letztlich geht es hier nicht um mein Unverständnis für diese Zeit, sondern um einen kurzen geschichtlichen Rückblick. Ich schließe damit die Lücke zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg. Über beide Kriege findest Du eine kurze Dokumentation, wenn Du den Links folgst.







Meine Untertanen sollten
einfach tun, was ich ihnen
sage, aber meine Untertanen
wollen alle selber denken,
und daraus entstehen dann
alle Schwierigkeiten.

kaiser, wilhelm,

Kaiser Wilhelm II.
letzte deutsche Kaiser
1859-1941



Die Kaiserzeit von 1871 bis 1918

Das Deutsche Reich wird heute als sogenannte konstitutionelle Monarchie bezeichnet; das war eine Staatsform die den Übergang zwischen reinen Monarchien und heutigen Demokratien darstellt. Es gab zwar einen Monarchen (in diesem Fall den Deutschen Kaiser), doch seine Macht wurde durch die Verfassung beschränkt. Es gab eine Volksvertretung, die entscheidenden Einfluss auf die Regierungsbildung hatte. Der Monarch muss mit den Volksvertreten zusammenarbeiten - mindestens bei der Gesetzgebung.

Deutsche Kaiserzeit 1871 - 1918 - Kaiser Wilhelm I. Wilhelm II. im Portrait

Kaiser Wilhelm II.
zusammen mit Kaiser Franz Josef I.

Im Jahr der Reichsgründung 1871 lebten 41 Millionen Menschen in Deutschland – dem damals bevölkerungsreichsten Staat in Mitteleuropa. Im Jahr 1914 waren es sogar 68 Millionen Menschen. In dieser Zeit wandelte sich Deutschland von einem durch Agrarwirtschaft geprägten Land zu einer einflussreichen Industrienation, die sogar die bisher führende Wirtschaftsnation England überflügelte.

Es verwundert also nicht, dass just in dieser Zeit der Begriff "Made in Germany" geprägt wurde. Die Engländer führten ihn ein, weil sie dachten, sich so positiv von deutscher Produktion (die Jahre zuvor noch für ihre mittelmäßige Qualität bekannt war) abzusetzen. Die Strategie ging nicht auf. Die deutsche Industrie holte auf und überflügelte Anfang des letzten Jahrhunderts die englische Wirtschaft. Made in Germany wurde nach und nach und zum großen Verdruss der Engländer zu einem Qualitätsbegriff, der noch heute Gültigkeit hat.

Durch diese wirtschaftlichen Erfolge und die zahlreichen wissenschaftlichen Errungenschaften aus deutschen Laboren gewann Deutschland zunehmend an Selbstbewusstsein. Noch heute sind die Gedanken und Erfindungen von Albert Einstein und Max Planck in aller Munde. Und das sind zwei der namhaftesten Vertreter ihrer Zunft. Es gab etliche Erfindungen, die seinerzeit bahnbrechend waren und heute noch großen Einfluss auf unser tägliches Leben haben. Das weltweit erste selbsttätige Wachmittel „Persil“ geht auf das Konto deutscher Erfinder. Innerhalb weniger Jahre erhielten deutsche Forscher nicht weniger als 21 Nobelpreise.

Kaiser Wilhelm II. war von diesen Errungenschaften begeistert und erkannte früh die Bedeutung der Wissenschaft für den technischen Fortschritt des Landes.



Kaiser Wilhelm II. und seine Gamahlin

Kaiser Wilhelm II. mit seiner
Gattin Kaiserin Auguste Viktoria.

Den Weg zu alledem ebnete letztlich Wilhelm I.. Er war König von Preußen und führte auch den vererbbaren Titel Deutscher Kaiser. Die Innen- und Außenpolitik wurde allerdings von Otto von Bismarck geprägt. Im Gegensatz dazu hatte Wilhelm II. den Anspruch, Kaiser "aller Deutschen" zu sein. Er wollte Industrielle wie Arbeiter, Protestanten wie Katholiken unter seiner Krone vereinen. Im Bergarbeiterstreik von 1889 unterstützte Wilhelm II. die Forderungen der Arbeiter und erzwingt Lohnerhöhungen. Seine sozialen Bestrebungen führen zunehmend zu Konflikten mit dem Reichskanzler Bismarck. Er hielt die Politik des jungen Kaisers für zu sentimental, was 1890 zu seiner Entmachtung führt.

Diese unterschiedliche Auffassung über die Amtsausübung zwischen Wilhelm I. und seinem Enkel Wilhelm II. ist der Grund dafür, dass man die Zeit von 1871 bis 1890 als das „Bismarckreich“ bezeichnet und die Zeit danach (bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918) als die Wilhelminische Ära. Der Reichskanzler hatte da nicht viel zu melden, weil Kaiser Wilhelm II. alles überstrahlte.

Obwohl Kaiser Wilhelm II. immer wieder seinen guten und friedliebenden Willen bekundete, zerschlägt er durch undiplomatischen Aussagen und seinem wechselhaften Verhalten viel Porzellan. Er überschätzt seinen dynastischen Einfluss (beispielweise mit dem verwandten russischen Zaren) und wird von Beratern, die eigenen Interessen folgen, unglücklich beeinflusst. All dies liefert den Ententemächten, die sich durch das aufstrebende Deutschland wirtschaftlich bedroht fühlen, willkommene Anlässe, sich durch neue Bündnisse zusammenzuschmieden. Das wiederum führt dazu, dass sich das Deutsche Kaiserreich eingekreist fühlt und in Österreich seinen letzten großen Verbündeten sieht.


Am 28. Juni 1914 erschütterte dann das Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Ehefrau die Welt. Schnell spitzte sich die politische Lage zu.

Der eigentliche Bruch entstand allerdings erst einen Monat später – nämlich durch das am 24. Juli des gleichen Jahres ausgesprochene Ultimatum von Österreich an Serbien. Kaiser Wilhelm II. hatte zu dem Zeitpunkt anscheinend den Ernst der Lage noch nicht gänzlich erfasst. Er war im festen Glauben, dass sich die Auseinandersetzung auf den Balkan begrenzen werde.

Wilhelm II.

Aus heutiger Sicht ist diese Auffassung gänzlich unverständlich, da doch bekannt war, dass etliche europäische Staaten durch verpflichtende Vereinbarungen im Fall eines Krieges miteinander verbunden waren. Das in seiner Wirkung unterschätzte österreichische Ultimatum löste die Mobilmachung Serbiens und somit auch des Verbündeten Russlands aus. Deutschland musste seinen Beistandsverpflichtungen gegenüber Österreich nachkommen … der Rest ist bekannt. Nach und nach erklärten sich (fast) alle europäischen Staaten als Kettenreaktion den Krieg.

Während Wilhelm II. in den Jahren zuvor die deutsche Politik maßgeblich prägte und sich direkt in politische Entscheidungen einbrachte, trat er während des Ersten Weltkriegs in den Hintergrund. Er überlässt den Generälen Hindenburg und Ludendorff faktisch die Führung des gesamten Militärs. Mit Verlauf des Krieges sank auch die Bedeutung des Kaisers. Für das deutsche Volk war er zwar noch immer Leitfigur, doch die oberste Heeresleistung unter Hindenburg und Ludendorff gelang es zunehmend, ihn von politisch-militärischen Entscheidungen auszuschließen.



Quelle der Bildergalerien und Anmerkungen zu den jeweiligen Aufnahmen:
Der Weltkrieg im Bild | Originalaufnahmen des Kriegs-Bild- und Filmamtes aus der modernen Materialschlacht
Autor:George Soldan | Ausgabe 1928

Quelle der s/w-Bilder vom Kaiser inkl. Titelbild: Historische Postkarten aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts.



Der Untergang des Kaiserreichs mit Wilhelm II. an der Spitze deutete sich bereits in den letzten Kriegsjahren an. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe an der Westfront (u.a. bei der grausamen Schlacht von Verdun) wurde immer deutlicher, dass das Deutschland einem Mehrfrontenkrieg nicht gewachsen war - spätestens als Italien und Russland in die Offensive übergingen, wurde es offenkundig.

In Deutschland wiederum wuchsen die politischen Spannungen zunehmend, weil sich Massen auf die Straße begaben und aufbegehrten. Sie kritisierten die sich stetig zuspitzenden Widersprüche zwischen der hochgradigen Modernität und Dynamik des Landes, der Verteilung von Einkommen im Land und den zugleich verkrusteten sowie von traditionellen Eliten hartnäckig verteidigten Herrschafts- und Machtverhältnissen. Der Zerfall der wirtschaftlich durch den Zweifrontengkrieg aufgezehrten Basis des Landes, des sozialen Zusammenhalts und der von der Bevölkerung akzeptierten politischen Legitimität war 1918 die unausweichliche Folge. Die alte Ordnung brach zusammen. Die revolutionäre Kraft der Arbeiter- und Soldatenräte, zu denen sich bald auch Volks- und Bauernräte gesellten, beendete die Fürstenherrschaft in Deutschland. Am 28. November 1918 dankte Kaiser Wilhelm II. ab. Damit endete die konstitutionelle Monarchie in Deutschland. Der Weg war frei für eine deutsche Demokratie. Doch er wurde auch frei für die Schrecken, die später das Dritte Reich verbreitete.


Kaiser Wilhelm II.
28. November 1918


Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf die Rechte
an der Krone Preußens und damit verbundenen Rechte
an der deutschen Kaiserkrone. Zugleich entbinde ich alle
Beamte des Deutschen Reichs und Preußen sowie alle
Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Marine, des
Preußischen Heeres des Treueeides. Ich erwarte von Ihnen,
dass sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reichs den
Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen,
das deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie,
der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.

Deutscher Kaiser - Kaiser Wilhelm II


Kaiser Wilhelm II.
28. November 1918




Wissenswert.

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Es war ein industrieller Krieg.
Um Dir einen Eindruck zu vermitteln, habe ich einige Bilder zusammengetragen.

    • LINK: WISSENSWERTES

Zwischen 1914 und 1918 brannte die Erde. Wichtige Schlachten des Ersten Weltkriegs in Europa habe ich in einer KMZ für Google-Earth zusammengetragen. Sie hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Es gibt etliche Dokumentationen über den Verlauf dieses großen Schlachtens. Diese kann ich Dir ganz besonders empfehlen.

    • LINK: FILM