Exkurs:
Der Schlieffen-Plan von 1905

und seine Umsetzung im Ersten Weltkrieg


Der Schlieffen-Plan von 1905 bestimmte
die deutsche Militärstrategie des
Deutschen Kaiserreich im Ersten Weltkrieg
bei ihrem sogenannten Westfeldzug gegen Frankreich.
Er wurde auch im Zweiten Weltkrieg angewendet.




Es muss denn das Schwert nun entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf, zu den Waffen! Jedes Wanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten. Um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens.

Kaiser Wilhelm II.
letzte deutsche Kaiser
1859-1941

kaiser, wilhelm,


Mit diesen Worten rief
Kaiser Wilhelm II. das deutsche
Volk zum Ersten Weltkrieg auf.

Kennt man die Folgen fragt man sich,
ob er es nicht besser wusste oder nicht
besser wissen wollte.




Der Schlieffen-Plan von 1905


Viele haben schon einmal vom Schlieffen-Plan gehört. Doch was hat dieser mit den deutschen Festungen im Reichland Elsass-Lothringen oder der Barrière de Fer der Franzosen zu tun? Eigentlich ganz einfach:

Das Deutsche Kaiserreich übernahm nach Ende des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 die bis dahin französischen Regionen Elsass und Lothringen. Sofort begann man mit dem Auf- und Ausbau etlicher Festungsanlagen. Die Bauarbeiten endeten erst mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Anfangs (also nach der Annexion der Region im Jahr 1871) wollte man das neue Reichsgebiet sicher und quasi als Schutzzone gegen Frankreich nutzen. Ein erneuter Krieg zwischen Deutschland und Frankreich hätte hier begonnen und somit nicht auf deutschem Hoheitsgebiet.

Ab 1905 waren das Reichsland Elsass-Lothringen zentrales Element des Schlieffen-Plans - dem deutschen Marschallplan für einen drohenden Krieg mit dem Erzfeind Frankreich. Generalfeldmarschall Alfred Graf von Schlieffen entwickelte ihn. Er befasste sich mit der Problematik eines möglichen Zweifrontenkrieges mit Frankreich und Russland. Diesen wollte er unbedingt verhindern, weil befürchtet wurde, dass Deutschland dann aufgerieben wird.


Die strategischen Überlegungen hinter dem Schlieffen-Plan von 1905


Kern des Schlieffen-Plans von 1905
war, dass im Falle einer erneuten kriegerischen Auseinandersetzung mit Frankreich mehrere Armeen des deutschen Westheers durch das neutrale Belgien marschieren sollten, um dann in Nordfrankreich einzufallen. Weil Frankreich sein Aufmarschgebiet und seine Verteidigungsstellungen an der Grenze zum Reichsland Elsass-Lothringen konzentrierte (siehe Barrière de Fer), ging man von einer geringen Gegenwehr aus.

Nach erfolgreicher Umsetzung dieser Umgehungsstrategie sollten im zweiten Schritt die Truppen, die in Elsass-Lothringen stationiert waren, eine Zangenbewegung vornehmen und ihrerseits nach Westen ins französische Kernland vorstoßen. Von Schlieffen ging davon aus, dass dadurch ein schneller Sieg über den Erzfeind Frankreich errungen werden kann, was wiederum Truppen frei macht für einen Feldzug gegen Russland.

Von Schlieffen entwickelte seinen Plan 1905. Seine Taktiken waren geprägt vom letzten Krieg gegen Frankreich - nämlich den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Zur Anwendung kam der Schlieffen-Plan 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Es gibt das Sprichwort: "Generäle kämpfen immer den letzten Krieg, nicht den heutigen. Sie kämpfen in der Vergangenheit, wenn sie das nicht begreifen, werden sie überrannt." Dieses Sprichwort gilt auch hier, denn die Generäle der kaiserlichen Armee und somit auch von Schlieffen erlagen bei ihren strategischen Kriegsplanungen zwei wesentlichen Irrtümern - mit fatalen Folgen.

Sie hatten nicht im Blick, dass sich die kommende Kriegsführung durch die zwischenzeitig eingesetzte Industrialisierung und die damit verbundene Explosion technischer Möglichkeiten (inkl. der Massenproduktion) grundlegend vom letzten Krieg 1870/71 unterscheidet. Und als wenn diese Fehleinschätzung noch nicht reicht, folgt gleich die Zweite: Sie hätten damit rechnen können (eigentlich sogar müssen), dass England wegen der Verletzung der belgischen Neutralität ebenfalls in den Krieg eintritt und sich dadurch ein komplett anderes Kräfteverhältnis ergibt.


Die Umsetzung des Schlieffen-Plans in den ersten Kriegsmonaten 1914


Der Schlieffen-Plan war letztlich eine Umgehungsstrategie - das sagte ich ja bereits. Die Hauptstreitmacht der Franzosen sollte über den Umweg Belgien umgangen werden. Man hoffte auf geringen/geringeren Widerstand zu stoßen.

Und in der Tat: Die ersten Kriegsmonate des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 ließen vermuten, dass diese Strategie aufging. Skrupel, das neutrale Belgien in den kommenden Krieg einzubeziehen, gab es nicht. Denn kurz vor seinem Ausbruch hatte sich die belgische Regierung für eine Beteiligung an einem "Einkreisungskrieg gegen Deutschland und Österreich" entschieden. Dies Aufgabe der bisherigen Neutralität entsprach der damaligen Stimmung der belgischen Bevölkerung, die mehrheitlich "anti-deutsch" eingestellt war. Vier Tage vor eigentlichem Kriegsbeginn hatte Belgien dann auch französische Truppen ins Land gelassen. Da man mit einem Angriff der Deutschen rechnete, war geplant, diese mit vereinten Kräften vor Namur und Lüttich zu stellen (beides waren wichtige Festungsstädte) und nach dem erhofften schnellen Sieg in Richtung Niederrhein in die wichtigen Industriegebiete des Gegners vorzustoßen. Dabei hatte man die Kruppschen Stahlwerke im Blick, die man sich einverleiben wollte.

Doch es kam anders. Das deutsche Westheer rückte mit mehreren vier Armeen in Belgien ein; eine Armee bestand seinerzeit aus circa 200.000 Soldaten. Schon am 7. August 1914 wurde die starke Festung Lüttich von den Deutschen genommen. Eine Aufforderung des Deutschen Kaiserreichs an Belgien, den Widerstand aufzugeben, wurde abgelehnt. Also durchzogen die deutschen Truppen das Nachbarland als Feinde, trafen immer wieder auf Gegenwehr und hinterließen entsprechende Verwüstung. In schneller Folge fielen die Städte Namur und Brüssel, während sich die belgische Streitmacht in ihre Großfestung Antwerpen zurückzog. Für die Deutschen war nun der Weg frei ... nach Frankreich.



Gleich nach Kriegsbeginn im Juli 2014 begannen die Deutschen mit der Umsetzung des Schlieffen-Plans.
Die Karte zeigt den Verlauf der ersten Kriegsmonate - seinerzeit konzentrierten sich die Kämpfe in Belgien.
Lüttich, Namur und Brüssel fielen in schneller Folge.

Quelle der Landkarten: Karten und Skizzen zum Weltkrieg 1914/15
von Eduard Rothert; Druck und Verlag von A. Bagel, Düsseldorf - Jahrgang: 1915



Der deutsche Einmarsch in Frankreich im Spätsommer 1914


Es war für das Kaiserreich ein großes Wagnis, fast das gesamte deutsche Heer in den ersten Kriegsmonaten gegen Frankreich aufzubringen und damit den Feind im Osten (also Russland) eine offene Flanke zu bieten. Man ging allerdings davon aus, dass die Mobilisierung der russischen Armee viel Zeit kosten würde. Diese Zeit wollte man nutzen, um einen raschen Sieg über Frankreich zu erringen. Danach könnte man die Armeen aufteilen und auch Russland (zusammen mit den Österreichern) bekämpfen.

Der erste nennenswerte Großangriff der französischen Armee im Ersten Weltkrieg erfolgte im August 1914 statt und fand (wie vom deutschen Militär angenommen) in den Vogesen statt, also im Reichsland Elsass-Lothringen. Die Franzosen wollte die verlorenen Gebiete zurückerobern und von dort aus in Deutschland einmarschieren. Obwohl Joffre, der Führer der französischen Armee, mehr als 800.000 Mann dafür mobilisierte, ging die Rechnung nicht auf (siehe Reichland Elsass-Lothringen).

Vielleicht war es dieses Unterfangen Joffres, welches die französischen Kräfte nahe der belgischen Grenze schwächte. Fest steht, dass der Erste Weltkrieg bzw. der Westfeldzug des Kaiserreichs als "Bewegungskrieg" begann. Das deutsche Heer machte in kurzer Zeit große Raumgewinne und war den französischen und englischen Truppen, die sich ihnen entgegenstellten, überlegen. Die nachfolgende Landkarte zeigt den Vormarsch der deutschen Truppen bis zum 4. September 1914. Sie hatten es quasi bis vor die Tore von Paris geschafft.

Dann wendete sich allerdings das Blatt. Am 5. September 1914 erfolgte ein Gegenangriff der Franzosen und Engländer. Er wird als die erste Schlacht an der Marne in die Geschichtsbücher eingehen. Aus zwei Gründen: Einerseits weil es die erste große Schlacht des Krieges war, bei der auf beiden Seiten mehr als 500.000 Soldaten ihr Leben verloren, verletzt wurden oder in Gefangenschaft gingen. Andererseits stellt sie eine Wende im Kriegsverlauf dar. Der Bewegungskrieg wandelte sich in einen erbitterten Stellungskrieg wie ihn die Welt bisher noch nicht gesehen hatte. Die Schlacht bei Verdun gilt bis heute als Mahnmal dieses Krieges und seines Grauens.



Zum Anfang des Ersten Weltkriegs freuten sich die Deutschen über die vielen Siegesmeldungen.
Sie setzten im Westen den Schlieffen-Plan um und standen bereits am 4. September 1914 tief im Hinterland des Feindes.
Dann wendete sich das Blatt. Am 5. September begann die erste Schlacht an der Marne.

Quelle der Landkarten: Karten und Skizzen zum Weltkrieg 1914/15
von Eduard Rothert; Druck und Verlag von A. Bagel, Düsseldorf - Jahrgang: 1915



In gewisser Weise ist der Schlieffen-Plan aufgegangen ... und irgendwie auch gar nicht. Fest steht, dass zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Taktik erfolgreich war. Der Erzfeind Frankreich würde erfolgreich über Belgien angegriffen und das Reichsland Elsass-Lothringen diente als Bollwerk, damit von dort aus keine Gefahr für Deutschland drohen konnte. Das hat funktioniert. Nicht aufgegangen ist das Kalkül, dass der kommende Krieg wie die Kriege zuvor sein wird. Obwohl es jeder hätte ersinnen können, rechnete niemand mit derartigen Material- und Abnutzungsschlachten.

Die Folgen dieser fatalen Fehleinschätzung sind bekannt.
Millionen mussten mit ihrem Leben dafür bezahlen.

Schlieffen-Plan



Wissenswert.

Außerdem empfehle ich Dir diese
zweiteilige Dokumenation über den .
Ersten Weltkrieg, die ich bei Youtube
fand. Sie ist sehenswert - wenn auch grausam.

    • LINK: FILM

Ich habe auch eine eigene Dokumentation über den
Ersten Weltkrieg erstellt. Meiner Ansicht nach
ist diese wichtig, um Inhalte der Homepage geschichtlich
entsprechend und richtig einzuordnen.

    • LINK: WISSENSWERTES