Geschichte des Festungsbaus:

Italienische Panzerfestungen
zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Ende des 19. Jahrhunderts machte die Waffentechnik einen erheblichen Sprung, was alle Staaten in Europa hinsichtlich des Festungsbaus zum Umdenken bewegte. Das Ergebnis waren sogenannte Panzerfestungen, die letztlich die Vorläufer künftiger Festungs- und Bunkersysteme wie die Maginot-Linie waren. .


Italienische Festungen in der Lombardei und Venetien

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 73)

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 73)

Seit den 1860er-Jahren verlief die Grenze des Königreichs Italien und Österreich-Ungarn von der Schweiz bis zum Gardasee und von dort aus bis zu den Karnischen Alpen weiter im Norden. Während die Lombardei und Venetien mit seiner für Italien wichtigen Landwirtschaft und seiner schweren Industrie zu Italien gehörten, hatte Österreich-Ungarn die Vorherrschaft in Südtirol bzw. Trentino. Dieser Grenzverlauf war das Ergebnis mehrerer Unabhängigkeitskriege Italiens gegen die Donaumonarchie. Es war gar nicht so abwegig, das es in absehbarer Zeit wieder zu Spannungen zwischen den beiden Monarchien kommt – obwohl die seit der 1890er-Jahre zusammen mit dem Deutschen Kaiserreich den sogenannten Dreierbund bildeten – ein fragiles politisches Gebilde, was Italien nicht daran hinderte, 1915 auf der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg einzutreten.

Aus italienischer Sicht war diese Grenze schwer zu verteidigen, weil die österreich-ungarischen Truppen fast durchweg auf höherem Gelände positioniert waren. Obendrein gab es dort nur wenige für das Militär nutzbare Verkehrswege, die der nördliche Nachbar nach und nach militärisch zu sichern begann.

Um die Bedrohung der Lombardei und Venetien entgegenzuwirken begann Italien also ab den 1860er-Jahren ebenfalls entlang der damaligen Grenze zu Südtirol und Trentino eigene Festungsanlagen zu erreichten. Dieser militärische Ausbau der Grenze erfolgte in drei Schritten, in den 1860er-Jahren, 1870er-Jahren und zwischen 1900 bis zum Kriegseintritt in den Ersten Weltkrieg (1915). Besonderes Augenmerk legte man dabei auf die Sicherung Venetiens.

Italienische Panzerfestungen während des Ersten Weltkriegs

Quelle: Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle : 1906-1907, liste des planches de la 1re partie, 1906

Quelle: Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle : 1906-1907, liste des planches de la 1re partie, 1906

Wie bereits gesagt: Italien begann in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts seine nördliche Grenze zu Österreich-Ungarn militärisch zu sichern und errichtete ihr entlang eine Reihe neuer Festungsanlagen. Teilweise konnten die Italiener allerdings auch auf Festungen zurückgreifen, die in den Jahrzehnten zuvor von der Donaumonarchie errichtet wurden – nämlich zu einer Zeit vor 1866 als die Lombardei noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Darunter befanden sich die Festungen der Rivoli- und Pastrengo-Gruppe, die zur Verteidigung von Verona ausgebaut wurden.

Die Baupläne neuer Festungen orientierten sich am damaligen Standard: Mitte dieses Jahrhunderts waren das Polygonal-Befestigungen mit freistehenden Geschützen und Werken, die aus Bruchstein gemauert wurden. Bereits in den 1870er-Jahren begann man allerdings, diese Baupläne zu verändern, die Mauern zu verstärken und den Festungen ein deutlich niedrigeres Profil als zuvor zu geben. Man reagierte damit auf das Aufkommen neuer Hinterlader-Geschütze mit gezogenem Lauf, die eine höhere Reichweite und vor allem eine höhere Treffgenauigkeit hatten. Das niedrigere Profil sollte dazu führen, dass man die Festung auf die Distanz nicht mehr so leicht anvisieren und somit treffen konnte.


Einführung moderner Panzerfestungen:

Gegen 1900 veränderten sich die neu zu errichtenden Festungen dann grundlegend. Das war eine Reaktion auf die sogenannte Brisanzgranatenkrise bzw. dem Aufkommen moderner Sprenggranaten. Geschosse dieser Art füllte man nicht mehr mit Schwarzpulver, sondern mit Explosivstoffen wie TNT. Sie hatten eine verheerende Zerstörungskraft, wenn man sie gegen traditionelle Festungen (mit gemauerten Wänden) einsetzte. Mit Ihnen konnte man innerhalb kurzer Zeit solche Festungen außer Gefecht setzen. Die bis dato freistehende Festungsartillerie war dabei ganz besonders gefährdet. Sie war nicht geschützt.

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 76)

Quelle: Die italienische Armee, fünfte, veränderte Auflage, Verlag von L.W. Seidel & Sohn, Wien 1015 (Seite 76)

Also begannen die Italiener – wie zuvor bereits Deutschland, Frankreich oder parallel zu den Italienern auch Österreich-Ungarn – die Baupläne neuer Festungen abermals zu verändern. Sie übernahmen weitestgehend die „aufgelöste Bauweise“ (beispielsweise deutscher Panzerfestungen). Italienische Festungen waren zwar auch weiterhin recht kompakt auf engem Raum konzentriert (anders als bei den Deutschen, wo zwischen den einzelnen Infanterie- und Artilleriewerken durchaus gewisse Distanz besteht), aber man trennte die Unterkünfte der Soldaten samt Versorgungseinrichtungen von den Geschützstellungen. Ein schwerer Artillerietreffer konnte somit nicht beides gleichzeitig ausschalten. Obendrein schützte man die Festungsartillerie mit Panzertürmen und verwendete als Baumaterial modernen Beton, der mit Stahl armiert und somit deutlich Widerstandsfähiger war.

Italienische Panzerfestungen dieser Zeit waren moderne Artilleriebefestigungen. Ihre Standardbewaffnung waren wuchtige 149-mm-Kanonen – schwere Geschütze, welche als Belagerungs- und Festungsgeschütze zum Einsatz kamen. Sie wurden von Ansaldo produziert – einem in Genua 1853 gegründetem Industrieunternehmen, welches anfangs Dampflokomotiven und Eisenbahnmaterial herstellte und später zu einem wichtigen Kriegswaffenproduzenten Italiens avancierte. Die Geschütze wiederum wurden durch schwere Panzertürme geschützt. Zum Einsatz kam der Typ Schneider. Sie verfügten über eine 160 mm dicke Panzerung und waren um 360° dreh- aber nicht versenkbar. Und man setzte bei der Nahverteidigung auf gepanzerte Maschinengewehrstellungen, von denen jede Festung mehrere verfügte.

Verdeck des eroberten Werks Campolongo. von K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle - Wien - Österreichische Nationalbibliothek - Austrian National Library, Austria - Public Domain. Link zur Quelle.

Die 149-mm-Kanonen mit den 160-mm-Stahlungetümen (anfangs Panzertürme der Firma Armstrong, Mitchell & Co., später das Modell Schneider der französischen Firma Schneider-Creuzot - in Lizenz vom italienischen Rüstungsgüterproduzenten Ansaldo in Genua gefertigt) zum Schutz der Geschütze wurden schnell zur Standardbewaffnung italienischer Panzerfestungen.

Nach und nach kamen die Ingenieure allerdings unter Zeitdruck (warum kann ich nicht sagen) und mussten Gelder bei der Errichtung neuer Festungen sparen. Sie begannen das Baumaterial zu variieren, was sich im Verlauf der Kämpfe nach Kriegseintritt Italiens auf Seite der Entente rächen sollte. So verwendete man beispielsweise beim Fort Vereno weiterhin Beton, verstärkte diesen aber nicht in der gewohnten Weise mit Stahl oder Beton. Das Ergebnis war, dass die Wände des Werks zwar die geforderte Stärke hatten, aber keinem Beschuss mit schwerem Kaliber standhalten konnten. Oder man verstärkte den Beton statt mit Stahl mit Steinen oder Holz, was den identischen Effekt hatte. Kurzum: Diese Sparmaßnahmen führten dazu, dass viele Festungen entlang der Grenze zu Österreich-Ungarn durch die 149-mm-Kanonen mit ihrer Reichweite von sieben bis elf Kilometern zwar eine enorme Kampfkraft hatten, aber gegenüber feindlichem Beschuss unzureichend geschützt waren. Folge war unter anderem, dass der Einsatz schwerer österreich-ungarischer Mörser dazu führte, dass die tonnenschweren Panzertürme aus der Halterung gerissen wurden, was verschiedene Bilddokumente jener Zeit anschaulich zeigen. Obendrein durchschlugen Granaten „einfach“ die Decken der Werke, um in ihrem Inneren ihre todbringende Wirkung zu entfachen.

Forte Campolongo

Campolongo. von K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle - Wien - Österreichische Nationalbibliothek - Austrian National Library, Austria - Public Domain. Link zur Quelle.

Die ersten Feuergefechte italienischer Panzerfestungen zu Beginn des Alpenkrieges 1915

Der Kriegseintritt Italiens auf der Seite der Entente war am 23. Mai 1915, indem das Forte Verena mit seinen vier 149-mm-Kanonen das Feuer auf das österreich-ungarische Werk Lusern eröffnete. Der Angriff bzw. der Beschuss des Werks dauerte bis zum 12. Juni 1915. Dann wurde das Forte Verena von österreichischem Sperrfeuer so schwer getroffen, dass das italienische Oberkommando beschloss, es aufzugeben.

Auch das Forte Campolongo war vom Kriegseintritt an in schwere Kampfhandlungen verwickelt. Es griff mit seinen 149-mm-Kanonen das Werk Werle an und konnte auch dieses praktisch zerstören. Eine Einnahme des Werks durch italienische Infanterie gelang allerdings nicht. Das Blatt wendete sich, als dann im Juli 1915 schwere Škoda-Mörser in Stellung brachten und mit dem Beschuss Campolongo begannen. Das Fort wurde im Mai 1916 von österreichischen Truppen besetzt, dies es bis zum Kriegsende hielten.

Baupläne mehrerer Panzerfestungen zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Vergleich

Gegen Ende des 19. Jahrhundert wurde der Bau moderner Panzerfestungen zum Standard des europäischen Festungsbaus. Die Grundüberlegungen dabei waren immer gleich: Die Festungsbauingenieure suchten nach Lösungen, um die Anlagen bei einem Beschuss mit modernen Brisanzgranaten widerstandsfähiger zu machen. Dabei griff man vergleichbare Ideen auf: (1) Festungen wurden nicht mehr aus Steinen gemauert, sondern man verwendete Beton - armiert mit Stahl oder Eisen - als Baumaterial. Dieses konnte nicht so leicht von schweren Geschossen durchschlagen werden. (2) Obendrein versuchte man die Festungen nicht mehr so kompakt wie früher zu errichten. Man trennte die einzelnen Funktionsbereiche voneinander. Das führte im Fall eines schweren Treffers dazu, dass nicht gleich die gesamte Festung "ausgeschaltet" wurde, sondern nur einzelne Bereiche. (3) Besonders wichtig war es allerdings, die Festungsartillerie zu schützen. Kanonen unter freiem Himmel waren stark gefährdet. Also ging man dazu über, die Geschütze durch eine wuchtige Panzerung zu schützen. Im Regelfall kamen dabei Panzertürme zum Einsatz, deren Stahlkuppel nicht mehr durchschlagen werden konnte.

Italienische Panzerfestung
Quelle: Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle : 1906-1907, liste des planches de la 1re partie, 1906

Quelle: Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle : 1906-1907, liste des planches de la 1re partie, 1906

Panzerfestung von Österreich-Ungarn
Werk Serrada

Quelle der Ursprungszeichnung: Sonderdruck aus den "Militärwissenschaftlichen Mitteilungen" - Ergänzungsheft 10 zm Werke "Österreich-Ungarns letzter Krieg" - Die Reichsbefestigungen Österreich-Ungarns zur Zeit Conrad von Hötzendorf - Wien - 1937

Weitere Informationen: Panzerfestungen Österreich-Ungarns

Deutsche Panzerfestung
Feste Kronprinz - Panzerfestung des deutschen Kaiserreichs bei Metz

Zum Vergleich: Lageplan der deutschen Panzerfestung Kronprinz bei Metz. Das Festungsareal ist deutlich weitläufiger als das einer österreich-ungarischen Festung, was einen höheren Schutz bot.

Weitere Informationen: Feste Kronprinz.

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