Festungsartillerie -
Blick in die Geschichte:

Entwicklung und Bedeutung
der Festungsartillerie

zu Beginn des Ersten Weltkriegs

Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner,
die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit,
in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten
ist die Geschichte der Menschheit.

Wilhelm Raabe
1831 - 1910

Artillerie – fester Bestandteil moderne Kriegsführung

Seit es Menschen gibt, gibt auch Krieg, Tod und Verderben. Auslöser ist meist der Wunsch, sich des Hab und Guts des anderen zu bemächtigen. Das war schon in der Steinzeit so. Seither hat sich allerdings die „Finesse des Tötens“ stetig weiterentwickelt. Gingen Menschen früher mit Schwert, Pfeil und Bogen aufeinander los, so kommen heute moderne Waffen (-systeme) zum Einsatz. Ein wesentlicher Meilenstein in dieser Geschichte markiert das Aufkommen erster Feuerwaffen auf den Schlachtfeldern Europas. Schnell baute man erste Büchsen für die Fußsoldaten und Kanonen zur Belagerung von Festungen (oder deren Verteidigung). Und schnell konzentrierten sich findige Tüftler darauf, immer bessere (heißt: beim Töten effektivere) Waffen zu erschaffen – mit höherer Reichweite, einer höheren Treffergenauigkeit und/oder eine höheren Zerstörungskraft.

Mit der Zeit entstanden sogar neue Waffengattungen. Kannte man über Jahrhunderte hinweg nur die Infanterie (also die Fußsoldaten) und die Kavallerie (also berittene Soldaten), kam bald auch die Artillerie hinzu. Heute werden die Begriffe „Geschütze“ und „Kanonen“ häufig synonym verwendet, was nicht ganz korrekt ist. Eigentlich ist das Geschütz ein Oberbegriff und man unterscheidet zwischen Kanonen, Haubitzen und Mörsern. Selbst bei modernen Waffen, lassen sich die einzelnen Geschütze diesen drei Gattungen (weitgehend) zuordnen oder sind von ihnen abgeleitet.

Geschütze wiederum sind seit ihrem Aufkommen bei der Verteidigung einer Festung ober beim Angriff auf diese nicht mehr wegzudenken, was dazu führte, dass die Festungsartillerie eine Gruppierung innerhalb der Artillerie geworden ist.

Festungsartillerie – wesentlich zur Verteidigung einer Festung

Quelle: Das Gerät der Artillerie vor, in und nach dem Weltkrieg, Alfred Muther / Hermann Schirmer, Verlag Bernard & Graife, Berlin SW 68, 1937

Quelle: Das Gerät der Artillerie vor, in und nach dem Weltkrieg, Alfred Muther / Hermann Schirmer, Verlag Bernard & Graife, Berlin SW 68, 1937

Festungen dienten über Jahrhunderte hinweg zum Schutz wichtiger Verkehrswege oder gar ganzer Städte. Sie sicherten Brücken, strategisch relevante Land- oder Wasserstraßen, Eisenbahnlinien oder Pässe im Gebirge. Mit der Zeit bildete sich die Festungsartillerie als Hauptbewaffnung moderner Festungen (gegen Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts) heraus. Ihre Aufgabe war der Feuerkampf gegen anrückende Truppen, während der Infanterie zunehmend die Aufgabe zukam, das direkte Umfeld der Festung zu schützen. So nah an die Festung sollten feindliche Truppen allerdings erst gar nicht kommen.

Lange Zeit positionierte man die Festungsgeschützte unter freien Himmel. Ein schönes Beispiel dafür ist das Biehlersche Standardfort, welches bis Mitte des 19. Jahrhunderts von den Preußen beim Bau neuer Festungen bevorzugt wurde. Dort standen die Geschütze oberhalb der Kasematten, in denen beispielsweise die Soldaten untergebracht waren. Einziger Schutz der Geschütze waren Erdwälle zwischen ihnen, damit ein getroffenes Geschütz bzw. die dadurch verursachte Explosion nicht das Nachbar-Geschütz in Mitleidenschaft zog. Lange Zeit war das auch wenig problematisch, weil die damaligen Geschütze eine kurze Reichweite hatten, recht ungenau waren und man als Geschosse meist Eisenkugeln verwendete. Die richteten zwar großen Schaden an, explorierten aber nicht.

Dann entwickelte sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Artillerie erst langsam, dann sprunghaft weiter. Es kamen Hinterlader auf, man erfand Geschütze mit gezogenem Lauf. Mit ihnen konnte man Langgeschosse, die man mit Schwarzpulver füllte, verschießen. Er erhöhten sich die Reichweite, die Treffgenauigkeit und die Explosionskraft. Eine tatsächliche Krise löste die Entwicklung erster Brisanzgranaten aus. Hier tauschte man das Schwarzpulver durch Explosivstoffe aus (wie TNT), was deren Zerstörungswirkung potenzierte. Auf einen Schlag galten in Europa alle (auch die just fertiggestellten) Festungen als veraltet, weil nicht standhaft genug waren, um einen solchen Beschuss lange zu widerstehen. Das galt übrigens insbesondere für die Geschütze der Festungsartillerie unter freiem Himmel, die jetzt extrem bedroht waren. Siehe: Brisanzgranatenkrise.

Findige Ingenieure begannen, die Festungsartillerie anfangs durch dicke Stahlplatten und später durch gepanzerte Geschütztürme zu schützen. Jedes Land (hier beziehe ich mich auf Deutschland, Frankreich oder Österreich-Ungarn) entwickelte dabei eigene Konzepte zum Bau moderner Panzertürme. Sie unterschieden sich hinsichtlich ihrer Konstruktion erheblich voneinander (französische Panzertürme waren bspw. dreh- und versenkbar, während Panzertürme aus deutscher Produktion nur drehbar waren), aber ihr Grundprinzip war jeweils gleich. Es gab auch Unterschiede bei der Bewaffnung der Panzertürme. Das deutsche Kaiserreich bestückte sie mit Kanonen und Haubitzen, während Österreich-Ungarn in Norditalien ausschließlich Turmhaubitzen installierten.

Kanonen

Kanonen sind Geschütze, welches letztlich von fast allen Waffengattungen eingesetzt wird. Es sind Flachfeuergeschütze, mit denen man einen direkten Schuss auf das anvisierte Ziel setzt. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von den Steilfeuergeschützen wir Haubitzen oder insbesondere Mörsern. Das Projektil folgt dabei einer gestreckten, parabelförmigen Flugbahn, die über die Visierlinie zuerst ansteigt und dann wieder abfällt. Der Einsatz von Kanonen setzt voraus, dass man sein Ziel sehen und anvisieren kann.

Haubitzen

Haubitzen sind Geschütze, die in den unteren Winkelgruppen (wie eine Kanone) oder in den oberen Winkelgruppen (wie ein Mörser) schießen konnten. Das besondere beim Mörser ist, dass sie mit „getrennten Ladungen“ feuern – also der Treibladung und der eigentlichen Granate. Die Schussweiter und Durchschlagskraft der Granate kann dabei durch stärkere Treibladungen erhöht werden. Deswegen wurden sie häufig auch bei der Bekämpfung von Festungen oder Bunkern eingesetzt. Setzte man einen Mörser in den oberen Winkelgruppen ein (wobei man das anvisierte Ziel nicht sehen kann) bedarf es des Einsatzes vorgelagerter Beobachter, die das Feuer lenken.

Mörser

Der Mörser ist ein sog. Steilfeuergeschütz mit kurzem Rohr. In Deutschland bezeichnet man sie häufig auch als Minen- oder Granatwerfer. Der Vorteil des Steilfeuers ist, hinter Deckungen liegende Ziele treffen zu können. So kann man die häufig schwächer geschützten Stellen einer Festung oder eines Unterstandes treffen. Obendrein kann man Mörser selbst aus einer Deckung heraus abfeuern, die bei einem Flachfeuergeschütz die Flugbahn des Geschosses behindern würde. Mörser wurden also häufig gegen Festungen eingesetzt. Das gilt insbesondere für den deutschen 21-cm-Mörser von 1910 – produziert von den Essenern Krupp-Werken.

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Impressionen moderner Panzertürme deutscher und französischer Festungen im Ersten Weltkrieg

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Gigantische Waffenschmieden als Folge der industriellen Revolution

Die industrielle Revolution bezeichnet heute eine tiefgreifende und bis heute wirkende Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Sie bezeichnet den Wandel von Agrar- zu Industriegesellschaft (wie wir sie heute kennen), der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunächst in England und dann in ganz Westeuropa und den USA begann. Möglich wurde sie durch sprunghafte Entwicklungen von Techniken, Produktionsmöglichkeiten – alles getrieben von der Wissenschaft. Die heutige Schwerindustrie wird häufig als „Kind der industriellen Revolution“ bezeichnet. Sie wiederum ermöglichte gegen Ende des 19. und insbesondere zu Beginn des 20. Jahrhunderts die stetig zunehmende Waffenproduktion in fast allen europäischen Ländern.

Deutschland

Verkaufsprospekt der Rüstungsfirma Krupp von 1896

Katalog der Friedrich Krupp AG von 1896. PDF: Teil (1) | Teil (2) | Quelle: BvD

Der Krupp-Konzern galt Anfang des letzten Jahrhunderts - spätestens nachdem er seinen wichtigsten Wettbewerber geschluckt hatte, die Gruson-Werke bei Magdeburg, als wichtigste Waffenschmiede des deutschen Kaiserreichs. Krupp hatte eine monopol-ähnliche Stellung in Deutschland und belieferte auch etliche andere Länder in Europa, so dass man seine Produkte auf vielen Schlachtfeldern und nicht nur auf deutscher Seite wiederfinden konnte. Spätestens mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der Ruf des Militärs nach immer mehr Geschützen und Munition stelle Krupp seine Produktion in den Dienst des Krieges.

Eines seiner bis heute bekanntesten Geschütze war die "Dicke Berta" - ein 42-cm-Mörser, der insbesondere gegen die Festungen in Belgien zum Einsatz gebracht wurde. Man bezeichnete das Geschütz seinerzeit auch als Festungsknacker.

Siehe auch: "Denkschrift über die Beschießung der Festungen Lüttich, Namur und Antwerpen".

Österreich-Ungarn

Die Geschichte der Škoda-Werke reicht bis in das Jahr 1859 zurück. Anfangs produzierten rund 100 Mitarbeiter Kessel, Dampfmaschinen und ähnliche Dinge. Emil von Škoda wurde erst 1869 Eigentümer der Werke – er begann unter dem vorherigen Eigner als leitender Ingenieur. Unter seiner Leistung entwickelte sich das Unternehmen schnell. Er investierte in neue Produktionsanlagen und somit neue Produkte; er erkannte, dass Rüstungstechnik ein lohnender Zweig war. Also wurden ab 1886 erste Kanonentürme für Schlachtschiffe hergestellt – wenige Jahre später folge der Einstieg in die Kanonenproduktion, für welche er in Pilzen sogar ein eigenes Werk erbaute. In den Folgejahren fokussierte Škoda immer stärker die Rüstungsproduktion und avancierte zum wichtigsten Produzent für Kriegsgüter in Österreich-Ungarn mit der größten Waffenschmiede im Habsburgerreich. Škoda produzierte Kanonen aller Größen. Damit stand er im direkten Wettbewerb zum Essener Krupp-Konzern oder französischen Produzenten. Denn vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Rüstungsproduktion ein internationales Geschäft.

1914 arbeiteten bis zu 10.000 Menschen in den Škoda-Werken, wenige Jahres später waren es bereits 32.000. Während der Kriegsjahre produzierte man für die österreich-ungarische Armee knapp 13.000 Geschützte unterschiedlichster Kaliber.

Weitere Informationen:
- Skoda-Werke (Artilleriebewaffnung).

Frankreich

Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt

Katalog der Firma Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt | Saint-Chamond, 1900. PDF: Teil (1) | Teil (2) | Quelle: BvD

In Frankreich gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts gleich mehrere Unternehmen, die sich mit der Entwicklung moderner Geschütze und natürlich auch Panzertürme befassten. Sie wetteiferten untereinander und alle zusammen auch gegen den Krupp-Konzern in Deutschland.

Es buhlten mehrere Ingenieure um die Gust der Kommission. Einer von ihnen war Alfed Galopin. Seiner Feder entsprangen unter anderem die Galopin-Panzertürme 155R und 155 L, die ich nachfolgend zeige. Einer seiner Wettbewerber war Oberstleutnant Bussière - er entwickelte unter anderem den Turm 75R05, der später im Fort Douaumont verbaut wurde. Die entwickelten französischen Panzertürme des 19. Jahrhunderts unterschieden sich von den Modellen der Deutschen. Sie waren nicht nur drehbar (wie die deutschen Türme), sondern auch versenkbar.

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Wissenswertes über Panzerfortifikationen
verschiedener Länder gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg

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