Geschichte des Festungsbaus:

Entwicklung moderner Panzertürme
gegen Ende des
19. Jahrhunderts

Als Panzerfestung bezeichnet man einen neuen Festungstyp, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Impuls dafür war die immer stärker gewordene Artillerie und die enorme Zerstörungskraft neuer Sprenggranaten, die in den 1880er-Jahren entwickelt wurden.

Beides machte es notwendig, die Festungsartillerie, die den Fernkampf zu führen hatte und die Hauptbewaffnung der Festungswerke darstellte, besonders zu schützen. Man entwickelte neue Panzertürme aus Stahl. Darüber hinaus wurden bauliche Veränderungen vorgenommen, indem man das Profil neuer Festungen versuchte so niedrig wie möglich zu halten. Armierter Beton wurde als Baumaterial zum Standard und man setzte (seinerzeit) moderne Kommunikationstechnik ein.

Festungsartillerie: Entwicklung der Panzertürme im 19. Jahrhundert

Moderne Geschosse - Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage (1892-1920)

Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage (1892-1920)

Mitte des 19. Jahrhunderts machte die Artillerie gewaltige Entwicklungssprünge, die heute noch prägend sind. Der Schwede Martin von Wahrendorff erfand das Hinterladersystem mit gezogenem Lauf, wodurch die Reichweite, Treffsicherheit und Schussfolge solcher Geschütze deutlich erhöht wurde. In den 1880er-Jahren kamen dann sog. Brisanzgranaten auf. Dabei handelt es sich um torpedoförmige Geschosse, die mit Explosivstoffen gefüllt wurden und die eine enorme Zerstörungskraft hatten. Militärs aller Nationen mussten erkennen, dass bisherige Festungen – selbst die, die just errichtet wurden – einem Beschuss mit den neuen Brisanzgranaten nicht lange widerstehen konnten. Sie galten auf einen Schlag als veraltet.

In der Wissenschaft und unter den Ingenieure begann eine europaweit geführte Diskussion wie man Festungen, sie waren immerhin eine relevante Säule der Landesverteidigung, künftig besser schützen konnte. Besonderes Augenmerk galt dabei auch der Festungsartillerie. Denn: Moderne Festungen dieser Zeit waren letztlich Artilleriefestungen und die Geschütze stellten die Hauptbewaffnung dar. Bis dato standen Sie allerdings unter freiem Himmel und waren besonders gefährdet.

Die Franzosen experimentierten mit eigens errichteten Kasematten, in denen sie die Teile der Festungsartillerie in Stellung bringen konnten. Das Ergebnis waren einfach und kostengünstig zu errichtende Kampfräume zum Flankenschutz einer Festung. Die Casemate de Bourges wurde schnell zum Standard französischer Festungen der Barrière de Fer. Sie waren zweigeschossig. Oberirdisch waren der Geschützstand und der Feuerleitstand untergebracht. Unterirdisch lagerte man die Munition. Nachteil der Casemate de Bourges war ihr eingeschränktes Schussfeld.

Die entscheidende Idee zu Schutz der Festungsartillerie schaute man sich allerdings bei der Marine ab. Es gab erste Kriegsschiffe, bei denen man die Schiffsartillerie in (noch recht einfachen) gepanzerten Panzertürmen unterbrachte. Die USS Monitor (eingesetzt im Amerikanischen Bürgerkrieg) war eines der ersten Schiffe dieser Art (siehe Spiegel-Artikel "Duell der Unzerstörbaren" mit Bildergalerie). Das führte zu der Idee, auch die Geschütze moderner Festungen durch eine solche Panzerung zu schützen. Dienlich war in dem Zusammenhang, dass Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Herstellung hochwertigen Stahls viel billiger wurde. Das galt sowohl für die Herstellung neuer Geschütztypen als auch für die Panzerteile künftiger Festungen. Eine der ersten Gussstahl-Kanonen war übrigens die Hinterladerkanone Alfred Krupps, die eine wahre waffentechnische Revolution auslöste.

Zeitgleich, jedoch unabhängig voneinander arbeiteten in Deutschland als auch in Frankreich verschiedene Unternehmen an der Herstellung neuer Panzertürme zum Schutz der Festungsartillerie. Doch zunächst einmal die Frage:

Was ist ein Panzerturm?
Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt

Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt
(ein früher Panzerturm aus französischer Produktion)

Dazu findet man im Meyers-Konversationslexikon, Band 15 von 1908 eine schöne Definition (Seite 378):

"Panzerturm - gepanzerter Geschützstand für ein oder zwei Geschütze ... der oben geschlossene Panzerturm dreht sich mit dem Geschütz, um diesem das Feuern nach allen Richtungen zu gestatten, entweder um eine wirkliche senkrechte Achse, wie die Panzerlaffete, oder um eine ideelle Achse auf einer Rollbahn mit Laufrollen oder Laufkugeln, die unter der senkrechten Wand am Panzerturms befestigt sind, Panzerdrehturm. ... Der Oberbau des Turmes erhielt durch Gruson bei seinen Hartgusstürmen die Kuppelform, die heute auch bei Panzerlaffeten und Panzertürmen der Küsten- und Binnenlandsbefestigungen gebräuchlich ist. Die gewölbte, in Hartguss hergestellte Panzerdecke der Panzertürme legt sich auf einen Vorpanzerring auf ....

Die Scharten, die sich in der gewölbten Decke befinden, bilden die unvermeidliche Schwäche des Turmes, der an dieser Stelle durch das feindliche Feuer am leichtesten verletzbar, sonst aber infolge der sphärischen Kuppelform (ein deutsches Konstruktionsprinzip, das seinerzeit in Konkurrenz mit andern, speziell französischen, weite Verbreitung fand) äußerst widerstandsfähig ist."

Deutsche Panzertürme im 19. Jahrhundert

Quelle: Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France >> École d'Application de l'Artillerie et du Génie - Cours de Fortification - Cuirassements (Croquis), 5 Lecons par le Capitaine Tricau

Plan des deutschen Panzerturms beim Testschießen in Bukarest

Quelle: Source gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France >> École d'Application de l'Artillerie et du Génie - Cours de Fortification - Cuirassements (Croquis), 5 Lecons par le Capitaine Tricaudt; Verlag: Lithographie de l'École d'application de l'artillerie et du génie, 1909

Wie bereits gesagt: In Deutschland und Frankreich gab es mehrere Unternehmen und Ingenieure, die maßgeblich die Entwicklung moderner Panzertürme vorantrieben: Während sich seinerzeit noch Krupp auf die Produktion von Kanonen und anderen Rüstungsgütern konzentrierte, arbeitete Hermann Gruson in Magdeburg zusammen mit dem Militäringenieur Maximilian Schumann an der Entwicklung neuer Panzerkuppeln:

Gruson wer ein deutscher Ingenieur und Unternehmer. Er gründete die legendären Gruson-Werke bei Magdeburg, die lange Zeit zu einem der wichtigsten Rüstungsunternehmen in Deutschland zählten. Die Ursprünge seines Unternehmens lagen allerdings im Schiffsbau. Gruson Passion war die Eisen-Gießerei. Er entwickelte Methoden zur Erhöhung der Festigkeit von Gusseisen; der von ihm entwickelte Hartguss hatte große Bedeutung für die Entwicklung des Maschinenbaus und konnte u.a. auch zur militärischen Panzerung in Form von Panzerplatten eingesetzt werden. Zu seinem Sortiment gehörten allerdings auch sogenannte Hartguss-Granaten mit denen bis dahin gebräuchliche Panzerungen durchschlagen werden konnten.

1860 erhielt Gruson vom preußischen Militär erste und umfangreiche Rüstungsaufträge. Nach und nach weitere sich seine Produktpalette für das Militär aus. Anfangs waren es Lafetten für 21-cm-Geschütze, ab 1873 produzierte er Geschütz-Drehtürme. In dieser Zeit tat er sich auch mit Maximilien Schumann zusammen und beide produzierten ab 1882 die Schumann'sche Panzerlafette. Sie waren denen aus französischer Produktion weit überlegen und wurden zum „Kassenschlager“, indem der sie nicht nur in Deutschland, sondern auch in Belgien, Holland, Österreich und Rumänien verkaufte.

Zur Erprobung dieser fanden immer wieder Tests statt, bei denen man die neuen Entwicklungen heftigem Artilleriebeschuss aussetzte, seine Wirkung dokumentierte und die Ergebnisse in die weitere Arbeit einfließen ließ.

Historische Literatur:
- Gruson'sche Panzerlafetten, 1887
- Gruson'sche Hartgussgeschosse, 1878
- Gruson'sche Schiessversuche, 1875

Französische Panzertürme im 19. Jahrhundert

Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt

Quelle: siehe nächstes Bild

In Frankreich waren es gleich mehrere Hersteller, die die Entwicklungen dort vorantrieben. Allen voran kann man die Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt mit Sitz in Saint-Chamond nennen. Die 1854 gegründete Schmiede produzierte u.a. Lokomotiven und entwickelte sich schnell zu einem wichtigen Rüstungsgüterproduzenten.

In Frankreich gab es sogar eine „Commission des Cuirassements“, die ab 1874 unter anderem auf dem Schießplatz von Gâvres Tests durchführen ließ.

Die ersten Panzertürme aus französischer Produktion entstanden in dieser Zeit – beispielsweise ein Modell, welches man (sicher zu „Werbezwecken“) den Namen des damaligen Leiters der Kommission gab – Capitaine Henri-Louis-Philippe Mougin.

Der gleichnamige Tourelle Mougin war aus Gussstahl gefertigt und verfügte zwei Rohre der 155-mm-Kanone L Modèle 1877. Im Verlauf der kommenden Jahre wurden mehrere dieser Türme in französischen Festungen verbaut, die einerseits von dem o.g. Unternehmen und einem weiteren französischen Waffenproduzenten hergestellt wurde – in dem Fall von der Firma Schneider in Creusot.

Um die Liste französischer Entwicklung zu komplettieren ist auch der später entwickelte Buissière-Panzerturm zu nennen. Er wurde 1888 von Oberstleutnant Bussière entwickelt und von der Sociétés Five-Lille in Zusammenarbeit mit der Société des forges de Châtillon et Commentry gebaut.

Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt

Compagnie des forges et aciéries de la marine et d'Homécourt | Saint-Chamond - Auszug aus dem Verkaufskatalog | 1900 | externer Link : PDF-Download: Teil (1) | Teil (2) | Quelle: BvD

Deutsche und französische Ingenieure gingen nicht nur bei der Entwicklung neuer Panzertürme gänzlich andere Wege: Gruson - und später Krupp, nachdem man sich die Firma von Hermann Gruson einverleibte, bauten zwei Arten von Panzertürmen. Sie waren dreh- aber nicht versenkbar und konnten entweder eine 100-mm-Kanone tragen oder wurden mit 150-mm-Haubitze bestückt. Andere Modelle wie beispielsweise die frühen Panzertürme von Gruson mit einer 210-mm-Haubitze verschwanden vom Markt. Frankreich wiederum setzte auf dreh- und schwenkbare Panzertürme. Sie werden häufig auch als "Verschwindetürme" bezeichnet. Schlussendlich setzten sich bei den Festungen der Barrière de Fer - Festungen wie Fort Douaumont, die eine wichtige Rolle im Ersten Weltkrieg spielten - die "Galopin-Türme" durch. Es gab mehrere Modolle von ihnen, die mit einem oder zwei Geschützen bewaffent waren:

- Tourelle Galopin de 155 mm R modèle 1907
- Tourelle Galopin de 75 mm R modèle 1905
- Tourelle Galopin de 155 L modèle 1890

Anders war auch, dass die Franzosen spezielle Panzertürme für Maschinengewehre produzierten und diese ebenfalls in ihren Festungen installierten. Hier spielte der Tourelle de mitrailleuses modèle 1899 eine wichtige Rolle. Er wird häufig auch als Buissière-Turm bezeichnet.

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Wissenswertes über Panzerfortifikationen
verschiedener Länder gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg

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