Entwicklung der Sprenggranate

Einleitung

Über Jahrhunderte hinweg spielte die Artillerie auf den Schlachtfeldern eine eher untergeordnete Rolle. Sie diente zur direkten Unterstützung der Infanterie und war dieser angegliedert. Das änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts mit der Einführung moderner Hinterladersysteme mit gezogenem Lauf und vielen darauf aufbauenden Entwicklungen. Die Artillerie gewann an Bedeutung und veränderte gleichzeitig den Festungsbau grundlegend. Ende des Jahrhunderts war vielen (aber leider nicht allen) Militärs klar, dass sie künftige Schlachtfelder beherrschen wird. Gleichzeitig entwickelte sich sie zur Hauptbewaffnung moderner Festungen, die nunmehr auf den Fern- bzw. Artilleriekampf ausgerichtet waren.

Quelle: Festpostkarte - Erster Weltkrieg

Quelle: Historische Postkarte

Besonders einschneidend war die Erfindung neuartiger Brisanzgranaten. Sie hatten eine Spreng- und Zerstörungskraft, die die bisheriger Geschosse in den Schatten stellten. Festungen - selbst die, die erst just errichtet wurden - galten auf einen Schlag als veraltet. Durch den Beschuss mit den neuen Brisanzgranaten konnte man sie innerhalb kurzer Zeit in Schutt und Asche legen. Siehe: Entwicklung der Artillerie.


Brisanzgranaten -
neue Granaten mit enormer Explosionskraft

Die Brisanzgranate ist ein Langgeschoss (etwas länger als bis dahin üblicherweise im Einsatz befindlich), bei dem der innere Hohlraum so groß wie möglich gehalten wurde, um eine maximale Sprengladung aufzunehmen. Dabei wurde das relativ schwache Schwarzpulver durch Explosivstoffe wie Dynamit oder Melinit ersetzt.

Diese Geschosse wurden mit relativ geringer Anfangsgeschwindigkeit aus eher kurzläufigen Steilfeuergeschützen (Haubitzen oder Mörser) abgefeuert. Sie waren in der Regel mit Zündern mit Verzögerungsträgern bestückt und explodierten erst, nachdem sie mehrere Meter tief in die Erde eingedrungen waren. Jeder Treffer erzeugte dabei einen riesigen Trichter und schon wenige genügten, um die Oberfläche eines Forts (wo im Regelfall deren Geschütze in offenen Gefechtsstellungen positioniert waren) völlig umzuwälzen und untauglich für jegliche Bewaffnung zu machen. Die Gewölbe der Räume unterhalb der Brüstung wurden selbst aufgerissen, wenn sie nur mit 3 oder 4 Metern Erde bedeckt waren und nicht aus Zementbeton mit großer Dicke gebaut waren.


Angesicht der neuen Bedrohung galt es, schnell umfassendere Erkenntnisse über die Wirkung dieser neuartigen Granaten zu sammeln und umgehend Möglichkeiten zum Schutz der Festungen selbst bzw. der für die Verteidigung zwingend notwendigen Festungsartillerie zu entwickeln.

Warum? Nun: Hier eine Zusammenfassung über die Wirkung der Brisanzgranaten -
einer zeitgenössischen Literatur zum Thema entnommen:

  • Verteidigungsmauern jeder Art geben gegen Sprenggranaten schweren Kalibers gar keine Sicherheit mehr.

  • Unter Umständen werden durch einzelne hinter die Mauer fallende Trümmer so große Teile in den Graben geworfen, dass gangbare Breschen entstehen. Dieses Verhältnis ist um so ungünstiger, je mehr Erde über den Mauern ruht.

  • Einzelne, in der Nähe des Fundaments detonierende Geschosse können die Mauern zum Einsturz bringen.

  • Alle Gewölbe bisheriger Stärke und Anordnung werden durch einen oder einzelne Treffer schweren Kalibers durchschlagen.

  • Durch das Verschütten der Eingänge der Schutzhohlräume und die Verwüstung der Wälle wird es unmöglich, die Infanterie bei eintretendem Sturm schnell zur Hand zu haben.

  • Durch eine verhältnismäßig kurze Beschießung werden Forts (herkömmlicher Bauweise) für die artilleristische Verteidigung völlig unbrauchbar, so dass selbst leichte Geschütze nicht mehr zu bewegen sind.

  • Die mit außerordentlicher Gewalt sehr weit fortgeschleuderten Sprengstücke der Granaten gefährden das Innere der beschossenen Werke in seiner ganzen Ausdehnung.

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Erste Versuche, Festungen und Festungsartillerie durch Panzerung zu schützen

In Frankreich begann man im Sommer 1886 mit Experimenten, bei denen man das erst kurz zuvor errichtete Fort Malmaison nahe Laon beschoss. Es folgten weitere Versuchte einige Monate später in Bourges und 1888 im Lager Châlons. Sie lieferten wichtige Erkenntnisse über die Wirkung der Granaten und erste Erkenntnisse über den Schutz eigener Festungsartillerie durch Panzerung. Dabei kamen auch Geschütztürme von Bussières und Mougin zum Einsatz.

Auch in Belgien widmete sich General Brialmont 1889 solchen Experimenten, weil er die Dicke künftiger Kasematten-Gewölbe testen wollte. Er stellte unter anderem fest, dass neun bis zu 30 bis 60 Kilogramm Dynamit geladene Granate, die in den Trichter einer ersten, aus 2.500 Metern Entfernung abgefeuerten Granate gelegt wurde, in Ruhe explodieren musste, um die Räume, die von einem Gewölbe aus Zementbeton unbrauchbar machte.

International die höchste Aufmerksamkeit unter Militärs und Festungsbauingenieuren errungen allerdings Tests, die nahe Bukarest ebenfalls von General Brialmont durchgeführt wurden. Er hatte seinerzeit den Auftrag, den neu zu errichtenden Festungsring rund um die Stadt zu planen. Bei diesen Versuchen ging es in erster Linie um den Schutz der Festungsartillerie durch moderne Panzertürme. Im Wettbewerb zueinander standen ein deutsches Modell der Firma Gruson in Magdeburg-Buckau (welches nach Angaben von Maximilian Schuman gefertigt wurde) und ein französisches Modelle der Firma Saint-Charmond (welches nach Plänen Mougins produziert wurde). Die Versuche wurden im Winter 1885-1886 durchgeführt.


Weitere Informationen: Entwicklung erster Panzerfestungen.

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