Panzertürme deutscher und französischer Festungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Mitte des 19. Jahrhunderts machte die Artillerie gewaltige Entwicklungssprünge, die heute noch prägend sind. Der Schwede Martin von Wahrendorff erfand das Hinterladersystem mit gezogenem Lauf, wodurch die Reichweite, Treffsicherheit und Schussfolge solcher Geschütze deutlich erhöht wurde. In den 1880er-Jahren kamen dann sog. Brisanzgranaten auf. Dabei handelt es sich um torpedoförmige Geschosse, die mit Explosivstoffen gefüllt wurden und die eine enorme Zerstörungskraft hatten. Militärs aller Nationen mussten erkennen, dass bisherige Festungen – selbst die, die just errichtet wurden – einem Beschuss mit den neuen Brisanzgranaten nicht lange widerstehen konnten. Sie galten auf einen Schlag als veraltet. >> Brisanzgranatenkrise.

Es entbrannte eine europaweit geführte Diskussion wie man Festungen künftig besser schützen könnte. Sie waren immerhin ein wesentlicher Stützpfeiler der Landesverteidigung. Besonderes Augenmerk galt dabei auch der Festungsartillerie. Denn: Moderne Festungen jener Zeit waren Artilleriefestungen, Geschütze stellten die Hauptbewaffnung dar. Bis dato standen Sie allerdings unter freiem Himmel und waren besonders gefährdet.

Die entscheidende Idee fand man schließlich bei der Marine. Es gab erste Kriegsschiffe, bei denen man die Schiffsartillerie in gepanzerten Panzertürmen unterbrachte. Die USS Monitor (eingesetzt im Amerikanischen Bürgerkrieg) war eines der ersten Schiffe dieser Art. Das führte zu der Idee, auch die Geschütze moderner Festungen durch eine solche Panzerung zu schützen.

Impressionen deutscher und französischer Panzertürme zwischen 1871 und 1918

  • Festung Metz - Feste Haeseler (Werk Sommy) - Groupe fortifié Verdun - Metz - Frankreich
    Feste Haesler
    Panzerturm der Festung in Elsass-Lothringen bei Metz
  • Tourelle de mitrailleuses modèle 1899
    Fort Douaumont
    Tourelle de mitrailleuses modèle 1899
  • Festung Metz - Panzerbatterie Plappeville
    Batterie Plappeville
    Artilleriestellung in Elsass-Lothringen bei Metz
  • Tourelle Galopin de 155 mm R modèle 1907
    Fort Douaumont
    Tourelle Galopin de 155 mm R modèle 1907
  • Feste Kronprinz - deutsche Panzerfestung bei Metz
    Feste Kaiserin
    Panzertürme der Festung in Elsass-Lothringen bei Metz
  • Tourelle de mitrailleuses modèle 1899 - Ouvrage de la Falouse - Festung des Ersten Weltkriegs bei Verdun
    Ouvrage de la Falouse
    Tourelle de mitrailleuses modèle 1899
  • Feste Friedrich-Karl
    Festung in Elsass-Lothringen bei Metz
  • La tourelle Mougin modèle 1876
    Fort Ville-le-Sec
    La tourelle Mougin modèle 1876
  • Feste Kaiserin
    10-cm-Kanone mit Panzerturm der Festung bei Metz
  • Festungen in Frankreich - errichtet vor dem Ersten Weltkrieg
    Ouvrage de Froideterre
    Tourelle Galopin de 75 mm R modèle 1905
Was ist ein Panzerturm?
Quelle: Capt. John Ericsson, Traverse hull section through Turret of USS Monitor, Format, Farbigkeit, Hintergrund, CC0 1.0

Quelle: Capt. John Ericsson, Traverse hull section through Turret of USS Monitor, Format, Farbigkeit, Hintergrund, CC0 1.0;
siehe auch: Spiegel-Artikel "Duell der Unzerstörbaren" mit Bildergalerie

Dazu findet man im Meyers-Konversationslexikon, Band 15 aus dem Jahr 1908 eine gute Definition (Seite 378). Ich zitiere:

"Panzerturm - gepanzerter Geschützstand für ein oder zwei Geschütze ... der oben geschlossene Panzerturm dreht sich mit dem Geschütz, um diesem das Feuern nach allen Richtungen zu gestatten, entweder um eine wirkliche senkrechte Achse, wie die Panzerlaffete, oder um eine ideelle Achse auf einer Rollbahn mit Laufrollen oder Laufkugeln, die unter der senkrechten Wand am Panzerturms befestigt sind, Panzerdrehturm. ... Der Oberbau des Turmes erhielt durch Gruson bei seinen Hartgusstürmen die Kuppelform, die heute auch bei Panzerlaffeten und Panzertürmen der Küsten- und Binnenlandsbefestigungen gebräuchlich ist. Die gewölbte, in Hartguss hergestellte Panzerdecke der Panzertürme legt sich auf einen Vorpanzerring auf ....
Die Scharten, die sich in der gewölbten Decke befinden, bilden die unvermeidliche Schwäche des Turmes, der an dieser Stelle durch das feindliche Feuer am leichtesten verletzbar, sonst aber infolge der sphärischen Kuppelform (ein deutsches Konstruktionsprinzip, das seinerzeit in Konkurrenz mit andern, speziell französischen, weite Verbreitung fand) äußerst widerstandsfähig ist."

Entwickllung erster Panzerungen und späterer Panzertürme ab den 1860er-Jahren

Die Erkenntnis, die Festungsartillerie angesichts der sich stetig weiterentwickelnden Artillerie besonders zu schützen entstand bereits vor dem Aufkommen der Brisanzgranaten in den 1880er-Jahren. Capitaine Mougin, den ich eingangs bereits erwähnte, entwarf bereits Mitte der 1870er-Jahre die ersten Modelle von ihnen, weswegen man sie heute auch häufig als Mougin-Casemate bezeichnet. Sie waren die erste Panzerung, die man in französischen Festungen installierte. So stattete man unter anderem das Fort du Parmont oder das Fort de Château-Lambert damit aus. Beide Festungen befinden sich südlich von Épinal, auf halber Strecke nach Belfort). Alles in allem gab es zwei Versionen dieser gepanzerten Kasematten. Beim früheren Modell bestand die Panzerung aus Gusseisen und sie war mit einer Belagerungskanone bestückt. Beim zweiten Modell verwendete man bereits gewalztes Eisen und man installiert dort eine (gewöhnliche) Feldkanone. Der große Nachteil dieser Kasematten war jedoch das stark eingeschränkte Schussfeld der Kanonen, weswegen man die Idee recht schnell wieder verwarf.

Einen großen Entwicklungsschub verdankt die Entwicklung moderner Panzertürme König Carol I. von Rumänien. Er beauftragte den belgischen Militäringenieur General Henri Bialmont mit dem Bau eines Festungsgürtels rund um Bukarest und dieser wiederum forderte deutsche und französische Produzenten auf, ihre Panzertürme einem „Praxistest“ zu unterziehen. Das hieß nichts anderes, als dass man sie auf einem Schießplatz beschoss, um ihre Widerstandsfähigkeit zu testen. Dieser Wettstreit verlief mit leichten Vorteilen für die Deutschen, wobei Bialmont später von beiden Seiten mehrere Panzertürme bestellte und in den neu errichteten rumänischen Festungen installierte.

Mit dem Aufkommen der neuartigen Brisanzgranaten und der damit verbundenen Erkenntnis, dass Festungen als auch insbesondere deren Festungsartillerie besonders zu schützen sind, nahm die Entwicklung moderner Panzertürme an Fahrt auf. Beflügelt wurde dies durch immer besser werdende Produktionsmöglichkeiten und in Deutschland beispielsweise auch durch den Zusammenschluss führender Rüstungsgüterunternehmen mit sich ergänzenden Fähigkeiten (Grusonwerke und Fried. Krupp). Spätestens ab diesem Zeitpunkt gingen auch die Entwicklungen in Frankreich und Deutschland auseinander. In Deutschland, wo sie stark geprägt war durch die Konzepte von Maximilian Schumann (der mit Hermann Gruson zusammenarbeitete) konzentrierte man sich auf Panzertürme, die eine Weiterentwicklung des Panzerturms darstellten, die bereits in Bukarest so erfolgreich begutachtet wurden. Diese Türme waren dreh- aber nicht versenkbar. In Frankreich wieder – sicherlich gefördert dadurch, dass es mehrere Ingenieure gab, die erfolgreich mit Konstruktionszeichnungen aufwarteten – entwickelten sich nicht nur verschiedene Modelle, die dreh- und versenkbar waren. Obendrein konstruierte man auch gepanzerte Maschinengewehrtürme, die die Deutschen gar nicht einsetzten.

Französische Panzertürme - Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France
Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

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