Festungsbau -
Blick in die Geschichte:

Komplexe Festungssysteme
lösen wuchtige Einzelfestungen ab

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Gürtelfestungen - komplexe Festungssysteme lösen bastionäre Festungen ab

Als Gürtelfestung bezeichnet man ein komplexes Festungssystem – bestehend aus mehreren sich gegenseitig schützenden und dennoch allein stehenden Forts, die um den eigentlich zu schützenden Port herum einen Festungsring bilden. Kern der Festung ist meist eine Stadt. Dieser soll so lange wie möglich vor einer Einnahme durch feindliche Truppen geschützt werden. Zusätzlich zu den einzelnen (detachierten) Forts können zwischen den einzelnen Werken der Gürtelfestung weitere Feldarmeen und Geschützbatterien positioniert werden.

Die Ursprünge der Gürtelfestungen gehen unter anderem auf den französischen Festungsbaumeister Marc-René Montalembert (1714-1800) zurück. Zu seiner Zeit waren bastionäre Befestigungen noch das Nonplusultra. Montalembert sah die deutlichen Schwächen solcher Festungen und propagierte zwei Neuerungen, die optimalerweise Hand in Hand realisiert werden sollten. Seine Ideen wurden in Frankreich allerdings nicht gehört – wohl aber von preußischen Festungsbaumeistern, die sie zuerst in die altpreußische Befestigungsmanier einfließen ließen und mit der später folgenden neudeutschen Befestigungsmanier in großen Teilen umsetzen.

Montalembert’s Ideen waren seinerzeit:

(1) Abkehr vom Bastionärsystem hin zu polygonalen Festungen:

Bastionäre Festungen hatten seiner Ansicht nach erhebliche Nachteile, weil der Feind bei einem Angriff relativ nah an die Festung herangelangen konnte - um ihn effektiv bekämpfen zu können musste er das sogar. Die vorgezogenen Bastionen, die Horn- und Kronwerke, die Gräben dazwischen waren sehr komplex und mussten entsprechend verteidigt werden. Drang der Fein hier jedoch ein, konnte er direkt vor der Festung einen Brückenkopf bilden und die Werke zum eigenen Schutz nutzen. Ganz abgesehen davon benötigt man relativ viele Soldaten, um ein solch komplexes System verteidigen zu können. Montalembert empfahl einen neuen Grundriss, welcher dem im Verlauf des 19. Jahrhunderts sich durchsetzenden Polygonal-Befestigungen recht nahe kommt.

(2) Mehrere detachierte Forts statt einer wuchtigen Einzelfestung:

Die zweite Idee von Montalembert war eine Abkehr von wuchtigen „Einzelfestungen“. Dafür sollten strategisch wichtige Orte vielmehr durch mehrere, einzeln stehende (isolierte, detachierte) Forts geschützt werden – optimalerweise errichtet als Polygonal-Befestigung. Diese Fort sollten mit einem gewissen Abstand zueinander errichtet werden, damit sie sich gegenseitig schützen können. Jedes Fort wiederum kann autonom agieren. Im Fall eines Angriffs müss(t)en die gegnerischen Truppen, um zum Kern der Festung vorzudringen, jedes Fort einzeln niederkämpfen. Kurzum: Die Verteidigung strategisch wichtiger Orte soll also in Wellen gestaffelt werden.

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Gürtelfestungen in Belgien, Frankreich und Deutschland - historische Karte

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Französische Gürtelfestungen

Marc-Réne Montalembert war mit seinen Ideen, die er bereits Ende des 18. Jahrhunderts formulierte, der Zeit weit voraus. Man sollte annehmen, dass seine Konzepte insbesondere in seinem Heimatland (also Frankreich) mit Interesse aufgegriffen wurden. Falsch. Dort diskutierte man sie heftig, hielt aber am Bastionärsystem weiter fest. Eindrucksvolles Beispiel ist der erste Festungsring rund um Paris, der ab 1840 errichtet wurde. Man setzte zwar auf von die Montalembert vorgeschlagenen detachierte (also einzeln stehende) Forts, baute sie aber als Bastionen. Im Verlauf des Deutsch-französischen Krieges 1870/71 rächte sich das. Diese Festungen waren dem deutschen Ansturm und dem Einsatz deutscher Artillerie nicht gewachsen.

Ein Umdenken begann kurz vor Ausbruch des Deutsch-französischen Krieges. Man beauftragte den Militäringenieur Séré de Rivières (1815-1895) mit dem Ausbau der französischen Grenzstadt (zu Deutschland) Metz. Er sollte rund um die Stadt einen modernen Festungsring errichten. Dabei handelte es sich um Polygonalfestungen (mit bastionären Einschlag). Eindrucksvolle Beispiele dafür sind beispielsweise die Festungen Queuleu, St Julien, Diou und Plappeville. Dann begann der 70er-Krieg und er musste seine Bautätigkeit einstellen.

1871, der Deutsch-französische Krieg ging für Frankreich verloren und man musste Elsass-Lothringen an das inzwischen gegründete deutsche Kaiserreich abtreten, besann man sich. Frankreich beauftragte abermals den Militäringenieur Séré de Rivière mit dem Bau einer neuen Befestigungslinie - der Barrière de Fer. Das war ein Festungssystem auf der Höhe der Zeit - Gürtelfestungen rund um strategisch wichtige Städte (wie Verdun, Toul, Épinal und Belfort) und zwischen den Städten positionierte Sperrforts, allesamt Polygonal-Befestigungen.

Deutsche Gürtelfestungen:

Preußen (Deutschland gab es seinerzeit noch nicht; das deutsche Kaiserreich wurde erst 1871 gegründet) ging mit den Montalembert'schen Ansätzen gänzlich anders um. Sie wurden hier aufgegriffen, verfeinert und nach und nach in die Tat umgesetzt. Sie flossen in die neupreußische beziehungsweise neudeutsche Befestigungsmanier ein - sie prägten sie stark.

Nach Ende der napoleonischen Kriege und auf Basis der Ergebnisse des Wiener Kongresses von 1814/15 begannen viele europäische Nationen - insbesondere auch Preußen - ihre Landesgrenzen auszubauen und den militärischen Schutz strategisch wichtiger Städte grundlegend zu erneuern. Die europäischen Nationen einigten sich zwar in Wien auf eine neue "Friedensordnung" in Europa, aber unterm Strich traute man sich gegenseitig nicht. Also flossen Millionen in den Festungsbau, weil dies seinerzeit ein probates Mittel zur Landesverteidigung war. Mit Blick auf Preußen und seinen Bautätigkeiten könnten man sogar von einer "Blüte des preußischen Festungsbaus" sprechen.

Ab 1820 entstanden etliche Gürtelfestungen rund um namhafte Städte. Einige Beispiele: Köln (ab 1816), Danzig (ab 1818), Erfurt (ab 1818), Minden (ab 1827), Posen (ab 1829), Krakau (ab 1849) Przemyśl (ab 1853), Königsberg (ab 1872) oder Thorn (ab 1877). Letzteres waren für die Preußen wichtige Festungsstädte, die heute zu Polen bzw. Russland gehören.

Später - nach Gründung des deutschen Kaiserreichs, dem von Deutschland gewonnenen Deutsch-französischen Krieg und der Annexion Elsass-Lothringen - fokussierte sich Kaiser Wilhelm II. auf die militärische Sicherung der ehemals französischen Städte Straßburg, Metz und Thionville. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs baute und modernisiert man hier Festungen. Metz wurde dabei zu einer der am besten befestigten Städte in Europa.

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Festungsbau im 19. Jahrhundert: Festungssysteme in Deutschland und Frankreich - einige Beispiele

Wie schon gesagt: Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entstanden in verschiedenen europäischen Ländern wuchtige Festungsringe, um strategisch wichtige Orte oder die Landesgrenze für damalige Zeit angemessen verteidigen zu können. Die Konzepte, die die einzelnen Länder seinerzeit verfolgten, ähnelten sich alle und gehen in gewisser Weise auf die Ende des 18. Jahrhunderts von dem französischen Festungsbaumeister Marc-Réne Montalembert zu Papier gebrachten Ideen zurück. Nachfolgende zeige ich Dir einige dieser Festungsringe - es ist eine Auswahl.

Wenn Du den jeweiligen Links folgst, findest Du weitere Informationen und auch diverse Portraits ausgewählter Festungen dieser komplexen Festungssysteme.


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