Festungsbau zu Beginn und gegen Mitte des 19. Jahrhunderts:

Moderne Polygonalfestungen
setzen sich durch und neue Standards

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Der Wiener Kongress 1814/15, die neue Friedensordnung in Europa und ihre Impulse für den Festungsbau

Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich die politische Situation in Europa und in Anlehnung daran auch die Strategien des Militärs: Durch den Wiener Kongress 1814/15 entstand eine neue europäische Friedensordnung. Die Großmächte wendeten sich in dessen Folge einer Defensivstrategie zu, was ein Comeback des Festungsbaus zur Folge hatte. Viele Königshäuser konzentrierten sich auf den Bau neuer Festungsanlagen, um strategisch wichtige Städte vor eventuellen Angriffen zu schützen. Heißt letztlich nichts anderes als: Man traute seinen Nachbarn nach wie vor nicht, durfte sich aufgrund der Ergebnisse des Wiener Kongresses aber nicht offen positionieren. Also sicherte man das eigene Land und die Grenzen.

  • Historiker sehen diese Epoche als Hochzeit des modernen Festungsbaus an. In Europa entstanden neue Festungsanlagen. In Deutschland sogar Großfestungen wie Koblenz oder wuchtige Festungsringe, mit denen man strategisch wichtige Städte wie Köln schützte. Ähnliche Projekte gab es auch in Frankreich (Paris) oder Belgien (Lüttich oder Antwerpen).

    Festungssysteme lösen wuchtige Einzelfestungen ab (interner Link).

  • Gleichzeitig stellte die Entwicklung der Artillerie im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Ingenieure immer wieder vor neue Herausforderungen. Mit zunehmender Präzision und Durchschlagskraft mussten vorhandene Festungen immer wieder erweitert werden bzw. die Baupläne neuer Festungen mussten diese sich ständig ändernden Rahmenbedingungen berücksichtigen.

    Brisanzgranaten - neue Waffen lösen eine Krise im Festungsbau aus (interner Link).

  • Ganz unabhängig von all diesen Dingen, setzten die Preußen, die als einer der großen Gewinner aus dem Wiener Kongress hervorgingen, auf einen gänzlich neuen Festungstyp - die Polygonal-Befestigung.

    Damit griffen sie Ideen aus Frankreich auf, die dort viel diskutiert, aber letztlich verworfen wurden. In Deutschland war das anders: Man feilte die Konzepte weiter aus und entwickelte sogar neue Festungsstandards - das Biehlerfort ist ein Beispiel.

Festung

Polygonal-Befestigung aus dem 19. Jahrhundert

Französische Panzertürme - Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France

Beispiel einer Polygonal-Befestigung - eines der Forts, die rund um Straßburg errichtet wurden.
>> weitere Informationen: Festungen rund um Straßburg.

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France
Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle : 1906-1907, liste des planches de la 1re partie



Die Preußen setzen früh auf Polygonal-Befestigungen

Die Ursprünge des Polygonalsystems sind unter anderem in Frankreich zu finden und gehen maßgeblich zurück auf die Überlegungen der beiden Festungsbaumeister Marc-René Montalembert (1718-1800) und Lazare Cornot (1753-1823). Es beschreibt die Idee, beim Bau einer Festung bzw. bei ihren Außenlinien möglichst konsequent auf einspringende Winkel zu verzichten, so dass schlussendlich die Befestigungsanlage die Form eines Polygons (also eines Vielecks) hat.

Vergleichbare Ideen wurden auch in Deutschland entwickelt und zwar unter dem Preußenkönig Friedrich II. und seinem Baumeister Gerhard Cornelius von Walrave (1692-1773). Von Ihnen errichtete Anlagen folgten der sog. „altpreußischen Befestungsmanier“ und gelten ebenfalls als Vorläufer des Polygonalsystems. Wer nun auch immer diesen Festungstypen entwickelte – er setzte sich in Deutschland schnell durch, wurde dort konsequent weiterentwickelt und avancierte nach Gründung des Deutschen Bundes im Jahr 1815 (als Folge des bereits erwähnten Wiener Kongresses) zur bevorzugten Bauweise neuer Befestigungsanlagen in Deutschland. Seine Weiterentwicklung wird übrigens als „neupreußische Befestigungsmanier“ bezeichnet. Die Preußen gingen sogar einen Schritt weiter. Sie errichteten in schneller Folge etliche Festungsneubauten (Beispiel: äußerer Festungsring rund um Köln). Also wollten Sie Baukosten planen. Das war die Geburtsstunde des Biehlerschen Einheitsfort (auch Schemafort) genannt. Hans Alexis Biehler (1818-1886) war preußischer General der Infanterie und wurde mit dem Bau des Festungsrings Köln beauftragt. Er entwickelte einen standardisierten Grundriss, der sich schnell errichten ließ und die Erkenntnisse moderner Festungen vereinte.

Im Gegensatz dazu setzten die Franzosen bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf traditionelle Bastionär-Befestigungen. Dann kam der Schwenk. Die Artillerietechnik entwickelte sich weiter und die Vauban'schen Konzepte galten als veraltet. Als dann nach 1871 - Frankreich musste wegen des verloren gegangenen Deutsch-französischen Krieges seine Landesverteidigung auf neue Beine stellen - die Barrière de Fer errichtet wurde, legte man endgültig die bisherigen Konzepte zu den Akten.


Querschnitt einer Polygonalfestung aus dem 19. Jahrhundert

Quelle: LivreTraité de fortification polygonale, Alexis Brialmont Brialmont, Brüssel, 1869

Quelle: LivreTraité de fortification polygonale, Alexis Brialmont Brialmont, Brüssel, 1869


Er zeigt sehr anschaulich die flache Bauweise der Festung. Anders als bastionäre Festungen ragen die Mauern nicht hoch auf. Vielmehr versuchte man der feindlichen Artillerie weniger Angriffsfläche zu bieten. Obendrein erkennt man sehr gut, dass die Decken der Kasematten zusätzlich verstärkt wurden und diese dann mit Erde aufgefüllt sind. Beides soll die Wirkung eines Artillerietreffern reduzieren, um die Widerstandskraft der Festung zu erhöhen.

Typisch für diese Zeit ist auch, dass die Geschütze unter freiem Himmel platziert wurden und zwar oberhalb der Kasematten. Sie standen dort in Reih und Glied; zwischen ihnen befanden sich Erdwälle und in gewissen Abständen auch Munitionskasematten. Mittels der Erdwälle wollte man ebenfalls den Schutz der Geschütze und Mannschaften erhöhen falls es zu einem Treffer kommt.

Selbstredend hat man bei den modernen Polygonalfestungen auf bewährte Prinzipien früherer Zeiten zurückgegriffen: Die Anlage ist von einem trockenen Graben umgeben, in dem man allerdings eine Grabenstreiche platzierte. Letzteres gab es bei bastionären Festungen nicht. Dringen doch einmal feindliche Truppen in den Graben ein, konnte man sie von hier aus effektiv bekämpfen. Optimalerweise ist auch die Glacis - also das Vorfeld der Festung - ansteigend, weil es für Angreifer schwieriger ist, bergauf und im Sturm das Gelände einzunehmen.



Fort Jouy-sous-les-Côtes - Blick ins Innere der französischen Polygonal-Befestigung

    • Fort Jouy-sous-les-Côtes - Festung in Frankreich bzw. der Barrière de Fer
    • Fort Jouy-sous-les-Côtes - Festung in Frankreich bzw. der Barrière de Fer
    • Fort Jouy-sous-les-Côtes - Festung in Frankreich bzw. der Barrière de Fer
    • Fort Jouy-sous-les-Côtes - Festung in Frankreich bzw. der Barrière de Fer
    • Fort Jouy-sous-les-Côtes - Festung in Frankreich bzw. der Barrière de Fer
    • Fort Jouy-sous-les-Côtes - Festung in Frankreich bzw. der Barrière de Fer

Das Fort Jousy-sous-les-Côtes wurde von den Franzosen als Teil der Barrière de Fer in den Jahren 1883 bis 1885 errichtet. Das Fort war für eine Besatzung von 535 Mann ausgerichtet, verfügt über vier 12-cm-Geschützen, vier 9-cm-Kanonen und für die Nahverteidigung über weitere Hotchkiss-Revolverkanonen. Bereits während der Bauzeit war klar, dass es veraltet ist. Mittels in dieser Zeit entwickelter Sprenggranaten hätte man es in kurzer Zeit niederkämpfen können. Dennoch wurde Jousy-sous-les-Côtes nie modernisiert. Heute präsentiert sich die Festung in einem liebevoll hergerichteten Originalzustand. >> weitere Bilder.


Weiterentwicklung der Polygonal-Befestigungen ab 1880

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es einige Erfindungen mit großem Einfluss auf den Festungsbau: Der Artillerie standen sogenannte Hinterlader zur Verfügung. Sie ersetzten die bisherigen Vorderlader. Man erfand den gezogenen Lauf und bisherige Kanonenkugeln wurden durch Langeschosse abgelöst. Alles zusammen erhöhte die Reichweite der Artillerie und deren Treffsicherheit enorm. Dann kamen gegen 1880 Sprenggranaten auf dem Markt. Man ersetzte das Schwarzpulver durch Dynamit und später durch TNT. Die Folge: Diese Geschosse hatten ein (gegenüber herkömmlichen Geschossen) enormes Zerstörungspotenzial. Schnell war klar, dass bisherige Festungen dem nicht lange widerstehen konnten. Anfangs hielt man an Polygonal-Befestigungen fest, veränderte sie aber. Später führten dann die Deutschen einen gänzlich neu entwickelten Festungstyp ein - die Feste. Ich gehe hier kurz auf die Anpassungen bei den Polygonalbefestigungen ein. Wenn Du mehr über den neuen Festungstyp wissen möchtest, folge dem Link.

Spätestens Aufkommen moderner Sprenggranaten veränderte den Festungsbau. Die Neuerungen werden recht anschaulich in dem französischsprachigen Buch Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle beschrieben. Zwei Schaubilder zeigen die Unterschiede - sie beziehen sich auf die Festungen der Barrière der Fer:


Polygonal-Befestigung der Barrière de Fer - Stand 1874
Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses.

Zum Bau der Festung wurden Bruch- oder Ziegelsteine verwendet.
Die Geschütze standen unter freiem Himmel.

A = Kaserne und Versorgungsreinrichtungen
B = Munitionskammer (gemauert)
C = Zugang mit Zugbrücke
D = Kaponniere zur Verteidigung des Grabens

Polygonal-Befestigung der Barrière de Fer nach 1880

Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses.

Zum Bau der Festung wurde Stahlbeton verwendet.
Die Geschütze werden von Panzertürmen getragen oder befinden sich in der Casemate de Bourges.

A = Versorgungseinrichtungen und Unterkünfte
B = Munitionskammer (betoniert) | C = Kaserne
D = Konterkaponniere (betoniert und unterirdisch zu erreichen)
F = Casemate de Bourges (mit Geschützen zur Deckung der Flanken)
G = Panzertürmer und gepanzerte Beobachter

Festung

Impressionen aus einem Biehlerfort: Fort Manstein - Teil der Feste Prinz Friedrich Karl bei Metz

Innerhalb eines Biehlerforts waren die Unterkünfte der Mannschaften immer auf der Kehlseite (also der dem Feind abgewandten Seite) des Festung positioniert. Diese Aufnahme zeigt den Verbindungsgang des Forts Manstein bei Metz. Es ist ein langgestreckter Gang, von dem auf der einen Seite die einzelnen Mannschaftsunterkünfte erreicht werden können.


    • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl - Fort Manstein
    • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl - Fort Manstein
    • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl - Fort Manstein
    • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl - Fort Manstein
    • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl - Fort Manstein
    • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl - Fort Manstein

Weitere Informationen: Fort Manstein der Feste Friedrich-Karl bei Metz.

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