Festungsbau gegen Ende des 19. Jahrhunderts:

Einfluss der Militärstrategien
in Deutschland und Frankreich auf den
Festungsbau gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Einfluss der Militärstrategien auf den Festungsbau in Deutschland und Frankreich

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgten Deutschland und Frankreich bei Bau neuer Festungen recht unterschiedliche Konzepte:

Die Franzosen hielten an dem traditionellen Bastionärsystem fest. Natürlich flossen auch Neuerungen in die Baupläne neuer Festungen ein, aber im Grundsatz blieben sie bei den Ideen, die einst der französische Festungsbaumeister Sébastien Vauban zur Perfektion brachte. Im Gegensatz dazu wendeten sich die Preußen bereits Anfang des 19. Jahrhunderts von diesen Prinzipien ab und favorisierten die aus ihrer Sicht moderneren Polygonalfestungen. Sie griffen letztlich die Ansatzpunkte des ebenfalls französischen Baumeisters Marc-Réne Montalemberg auf, feilten sie weiter aus und - irgendwie typische für die Preußen - formten daraus einen Standard, der fortan beim Bau neuer Festungsanlagen zum Einsatz kommen sollte. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind verschiedene Forts rund um Köln oder Mainz: Das sogenannte Biehlersche Einheitsfort wurde immer dort errichtet, wo es das Gelände und die Verteidigungskonzept es zuließ.

Dann folge der Deutsch-französische Krieg 1870/71, der für Frankreich verloren ging und in dessen Folge man die wirtschaftlich wichtigen Regionen Elsass-Lothringen an das neu gegründete deutsche Kaiserreich abtreten musste. Ein riesige Schmach für die Franzosen, ein militärstrategisch enormer Zugewinn für Deutschland. In den Folgejahren unternahmen sowohl Deutschland als auch Frankreich enorme Anstrengungen, um die Landesverteidigung auf neue Beine zu stellen. Jeder aus seiner Perspektive und jeder mit seiner individuellen Militärstrategie. Ich versuche diese Unterschiede nachfolgend kurz zusammenzufassen. Dabei konzentriere ich mich auf die deutsch-französische Grenze und hier fokussiere ich die Städte Metz, Verdun und Toul.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Die Franzosen hielten bis zum bis 1870 am Bastionärsystem fest. Davon zeugt beispielsweise das Fort de Plappeville bei Metz. Der Bau wurde 1867 von ihnen begonnen und nach Ende des 70er-Krieges von den Deutschen vollendet. Sie nannten das Fort allerdings Feste Alvensleben. Dann - nach 1871 - richtete Frankreich seine Landesverteidigung neu aus und setzte dabei ebenfalls auf Polygonalfestungen (siehe: Festungen der Barrière de Fer).




Die Offensivstrategie der Deutschen am Beispiel der Festungsstadt Metz:

Als Folge des Wiener Kongresses 1814/15 bzw. der neuen Friedensordnung in Europa setzte in verschiedenen europäischen Ländern ein regelrechter Festungsbauboom ein. Die Länder wollten ihre Besitztümer schützen und Festungen waren damals ein probates Mittel dazu. Deutschland realisierte verschiedene Großprojekte wie beispielsweise den Festungsring rund um die Stadt Köln oder die eindrucksvollen Festungen zur Sicherung von Koblenz und Mainz.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts hin änderte sich die Militärstrategie Deutschlands, was direkten Einfluss auf den Festungsbau hatte. Es veränderte sich der regionale Fokus, denn es galt nun das sogenannte Reichsland Elsass-Lothringen zu schützen. Und es gab eine sprunghafte Entwicklung der Artillerietechnik, was dazu führte, das kurz zuvor errichtete Festungen dringend hätten modernisiert werden müssen. Das Geld für all diese Maßnahmen war nicht vorhanden. Davon betroffen war insbesondere die Modernisierung bisheriger Festungen. Sie wurden häufig nur baulich angepasst, aber nicht auf den neusten Stand gebracht. Ein gutes Beispiel dafür ist abermals der Festungsring Köln.

Die deutsche Moselstellung zwischen 1871 und 1918

Historische Karte - sie zeigt die Festungsstädte Metz sowie Thionville auf deutscher und Verdun bzw. Toul auf französischer Seite. Beide fühlten sich vom jeweils anderen bedroht.

Quelle der Karte: The Americans in the Great War - V2 The Battle of Saint Mihiel von 1915 / Autor: Michelin & Cie

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts konzentrierte sich die deutschen Militärstrategie eher auf wenige strategisch wichtigen Orte, die dann durch Festungsringe systematisch gesichert wurden. Augenfällig dabei ist ihre (direkte) Grenzlage zu Frankreich und Russland. Eines der besten Beispiele diesbezüglich ist die Stadt Metz in Lothringen. Sie wurde zwischen 1871 und 1914 zu einer der am besten ausgebauten Festungsstädte in Europa aufgerüstet.

Zentral dabei: In die Planungen der Deutschen wurde ihre Offensivstrategie mit einbezogen, so dass die neuen Festungen im Fall eines Krieges für die vorrückenden Feldarmeen einerseits schützend und andererseits fördernd waren. Sie dienten also auch als Ausgangs- und Stützpunkte. Metz ist hier abermals ein gutes Beispiel, denn man errichtete dort nicht nur eine Vielzahl neuer Festungen, sondern einen (für die kleine Stadt eigentlich absolut überdimensionierten) Zentralbahnhof, der umgeben wurde von prachtvollen und breiten Straßen - ideal zum Verlegen großer Truppenkontingente. Es entstanden auch rings um den Stadtkern herum etliche Kasernen. Jahre später - zur Zeit des Ersten Weltkriegs - zeigte sich der Nutzen dieser vorausblickenden Planung der deutschen Militärstrategen.



Die Defensivstrategie der Franzosen am Beispiel der Barrière de Fer:

Frankreich hatte nach Ende des Deutsch-französischen Krieges ein gänzlich anderes Problem. Die Niederlage führte zu einer Revision des Militärs und der bisherigen Strategien. Außerdem - beraubt um die französischen Regionen Elsass-Lothringen musste man die Landesgrenzen schützen. Man entschloss sich, eine neue Festungslinie aufzubauen - die Barrière de Fer bzw. das Système Séré de Rivières (wie es die Franzosen heute bezeichnen).

Die Barrière de Fer (dt.: Barriere aus Eisen) basierte auf einer Kette etlicher Forts und Festungen, die strategisch wichtige Städte entlang der neuen deutsch-französischen Grenze sowie wichtige Verkehrswege schützte. Anker des Systems waren die sogenannten Camps Retranchés. Das waren Großfestungen, die wiederum von Gürtelforts umgeben waren. Die Städte Verdun, Toul, Épinal und Belfort galten also solche Großfestungen. Selbstredend wurde auch der Raum zwischen den Städten durch sogenannte Sperrforts beziehungsweise Zwischenwerke gesichert. Einzige Ausnahmen war die Region zwischen Toul und Épinal. Hier sah Revières eine Lücke vor. Er nannte Sie Trouée de Charmes. Er erwartete, dass die deutschen Truppen im Fall eines Angriffes diesen Weg nutzen, um in Richtung Paris vorzurücken. In dem Fall müsste die deutsche Heeresleitung die Truppen auf engstem Raum konzentrieren, so dass die französische Armee sie hätte massiert angreifen und zurückschlagen können.

Die Folgen dieses gigantischen Bauvorhabens zwang die Franzosen letztlich zu einer Defensivstrategie. Einerseits leitet sich diese direkt von der Barrière de Fer selbst ab. Man schützte die Grenzen durch Festungen, so dass man erwartete Angriffe effektiv abwehren könnte - wenn das keine Defensivstrategie ist, was dann. Andererseits zwangen auch die Konsequenzen dieses Bauvorhabens die Franzosen dazu. Mehr als 500.000 Mann waren notwendig, um diese Vielzahl an Festungen und Sperrforts zu besetzen. Soldaten, die der Feldarmee fortan fehlten.

Festung

Zusammenfassend:

Anfang des 19. Jahrhunderts setzte man in Deutschland und Frankreich auf sich stark unterscheidende Befestigungsmanieren. Die Franzosen favorisierten weiterhin das Bastionärsystem, welches einst vom französischen Baumeister Sébastien Vauban zur Perfektion getrieben wurde. Die Preußen hingegen führten das Polygonalsystem ein. Später - gegen Ende des 19. Jahrhunderts - glichen sich die Baustile an, weil auch die Franzosen auf das Polygonalsystem setzen. Gleichzeitig änderten sich in beiden Länden allerdings der Fokus wo und warum man neue Festungen benötigte. Deutschland verfolgte dabei eine Offensivstrategie. Die Entscheidung über den Bau neuer Anlagen war stark geprägt davon, ob sie im Fall eines Krieges "dienlich" sein würden. Die Festungsstadt Metz, die Ende dieses Jahrhunderts in deutscher Hand war, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Franzosen wiederum waren zu einer Defensivstrategie gezwungen. Sie mussten ihr Militär und die Verteidigungsstrategie einer grundlegenden Revision unterziehen, bauten in Folge dieser eine wuchtige Festungslinie zwischen Verdun und Belfort mit mehreren hundert Festungen.

Festung

Beispiele deutscher und französischer Festungen - errichtet gegen Ende des 19. Jahrhunderts:

www.festungen.info ist eine private Homepage und verfolgt keine kommerziellen Zwecke. Dennoch verwendet die Website Cookies, um Ihnen das beste Surf-Erlebnis zu ermöglichen und eine Reichweitenmessung durchzuführen. Weitere Informationen erhalten Sie in der Datenschutzerklärung.