Festungsbau zu Beginn und gegen Mitte des 19. Jahrhunderts:

Komplexe Festungssysteme
lösen wuchtige Einzelfestungen ab

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Marc-René Montalemberg
Quelle: wikipedia, gemeinfrei

Die Montalembert'schen Ideen:

Einhergehend mit der Entwicklung moderner Polygonal-Befestigungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich auch die Strategie, militärisch wichtige Plätze (Verkehrsknotenpunkte oder Städte) zu schützen. In dem Zusammenhang ist der französische französischer Ingenieur für Waffentechnik und Festungsbau Marc-René de Montalembert (1714-1800) zu nennen. Er schlug zwei wesentliche Neuerungen vor:

(1) Abkehr vom traditionellen Bastionärsytem. Sie hatten seiner Ansicht nach Nachteile, weil der Feind bei einem Angriff relativ nah an die Festung herangelangen konnte bis man ihn (endlich) effektiv bekämpfen konnte. Die vorgezogenen Bastionen und die Gräben zwischen ihnen könnten ihm dabei obendrein Schutz bieten. Er empfahl einen völlig neuen Grundriss, welches den im Verlauf des 19. Jahrhunderts gebauten Polygonal-Befestigungen sehr nah kommt.

(2) Militärisch wichtige Plätze sollten fortan nicht nur durch eine (große) Festungsanlage geschützt werden, sondern durch mehrere, einzeln stehende (also isolierte) und kleinere Forts, die mit gewissem Abstand rund um den Ort platziert werden und sich im Fall eines Angriffs gegenseitig flankieren können. Jedes Fort kann dabei autonom agieren.

Beide Ideen wurden in Frankreich heftig diskutiert - jedoch nicht in die Tat umgesetzt - Frankreich hielt bis Mitte des 19. Jahrhunderts an bastionären Festungen fest. Im Gegensatz dazu nahm Deutschland diese Idee auf und entwickelte sie weiter; dazu gleich mehr.

Unterm Strich schlug Montalembert die Errichtung komplexer Festungslinien oder Festungsgürtel vor. Er ordnete bei der Gelegenheit auch der Artillerie bei der Verteidigung einer Festung ein höheres Gewicht zu. Mittels ihrer sollten die Angreifer besser auf Distanz (also nicht erst direkt vor den Mauern der Festung) bekämpft werden. Dazu sah er mehrstöckige Kasematten vor, in denen man die Festungsartillerie positionieren sollte, um sie gleichzeitig besser zu schützen. Und er schlug weitere, vorgelagerte Artilleriestellungen vor, um das System noch effektiver zu machen.

Die Ideen Montalembert waren seiner Zeit weit voraus. Schaut man sich jedoch die Entwicklung des Festungsbaus im Verlauf des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts an, findet man alle Ideen wieder - sogar bei der Maginot-Linie oder dem Westwall.



Und ihre Umsetzung durch das deutsche Kaiserreich:

Wie schon gesagt: Die Ideen von Marc-René Montalembert wurden in Frankreich intensiv erörtert, aber nicht umgesetzt. Das war in Deutschland anders. Die Preußen griffen sie auf und entwickelte sie weiter. Die wuchtigen Festungsanlagen rund um Koblenz oder Köln zeigen noch heute davon - sie wurden beide in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. Hier kombinierten die Preußen das Konzept einer modernen Polygonal-Befestigung mit den Prinzip detachierter Forts (sogenannte Gürtelfestungen). Letzteres bedeutet, dass mehrere kleinere Festungsanlagen circa eine Kanonenschussweite vor der eigentlichen Festung bzw. dem zu schützenden Ort platziert wurden, um so die Wucht des Angriffes abzufangen, bevor er die Hauptfestung erreichte.

Schaut man sich die Lagepläne verschiedenster Festungssysteme des 19. Jahrhunderts an, findet man das Prinzip allenthalben. Einzige Unterschiede: Mit zunehmender Schussweite der Geschütze entfernten sich diese aus einzelnen Forts bestehenden "Gürtel" immer weiter von der eigentlichen Festung. Reichte anfangs (also zu Beginn bis Mitte des Jahrhunderts) eine Distanz von einigen hundert Metern, so wurden die letzten Anlagen nach Einführung "gezogener Geschütze" (um 1860) und der Brisanzgranaten (um 1880) etwas acht bis fünfzehn Kilometer vor der Hauptfestung (oder der zu schützenden Stadt) positioniert.

Biehlersche Einheitsfort - Standardfestung der Preußen gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Biehlersches Einheitsfort

Polygonal-Befestigung der Preußen, welches Mitte des 19. Jahrhunderts als Festungsstandard eingeführt wurde, um neue Anlagen in kürzerer Zeit und kostengünstiger errichten zu können.

Typisch für die Preußen war, dass sich die Ideen nicht nur weiterentwickelten, sondern anschließend die Umsetzung auch standardisierten. Mit der Zeit bildeten sie das sogenannte Standardfort heraus, welches auf die Pläne des Generals Biehler basierte. Es ermöglichte den zügigen und kostengünstigen Bau neuer Forts. Merkmale des Biehler'schen Standardforts ist die Aufstellung der Geschütze zwischen Traversen, die Konzentration der Nahverteidigung in den kleinen Kaponnieren und der Bau der Mannschaftsunterkünfte im Wall der Kehle des Forts.

Festung

Festungsbau im 19. Jahrhundert: Festungen und Festungssysteme in Deutschland, Frankreich und Belgien

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