Festungsbau gegen Ende des 19. Jahrhunderts:

Die Feste - deutsche Panzerfestungen
gegen Ende des 19. Jahrhunderts

Eine Festung ist ein in Friedenszeiten
ausgebauter Ort, der in Kriegszeiten
gegen einem der Zahl nach überlegenen und
mit allen Angriffsmitteln ausgerüsteten Gegner
nachhaltig verteidigt werden kann.

Meyers Konversations-Lexikon
Jahrgang 1888

Moderne Sprenggranaten verändern den Festungsbau

Anfang des 19. Jahrhunderts wurde mit dem Wiener Kongress 1914/15 der Grundstock einer neuen europäischen Friedensordnung gelegt. Natürlich beendete dies nicht das Misstrauen der europäischen Länder untereinander oder die offene Feindschaft, die es zwischen ihnen gab. Das Verhältnis Preußen / Frankreich war besonders angespannt, weil ich in Deutschland als Folge der napoleonischen Kriege eine anti-französische Stimmung breitgemacht hatte. Dennoch wendete man einer allgemeinen Defensivstrategie zu, bauten Festungen und belauerten sich. In den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress entstanden somit Großfestungen wie Koblenz oder wuchtige Festungssysteme, die beispielsweise die Städte Köln, Paris oder Lüttich schützen. Es waren moderne Festungen, in die die neusten Kenntnisse des Festungsbaus, der Waffentechnik und jüngster militärischer Strategien eingeflossen sind.

Was man wiederum unter einer "modernen Festung" verstand, änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts wiederholt, nachdem gegen Mitte des Jahrhunderts die Artillerietechnik wesentliche Entwicklungssprünge gemacht hat. Die Festungsbauingenieure nahmen die Entwicklungen auf, reagierten darauf bei Neubauten und modernisierten stetig bereits vorhandene Festungsanlagen.

Moderne Geschosse - Quelle: Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage (1892-1920)

Brockhaus Konversations-Lexikon 14. Auflage

Bastionäre Befestigungen hatten dabei ausgedient, man setzte auf modernere Polygonal-Befestigungen und in Preußen entwickelte man die neudeutsche Festungsmanier.

Dann - gegen Ende des 19. Jahrhunderts - wurden Sprenggranaten entwickelt, die auf einen Schlag den Festungsbau auf den Kopf stellten. Durch deren Einsatz konnte man eine (herkömmliche) Festung innerhalb kurzer Zeit in Schutt und Asche legen. Sie waren schlicht nicht darauf ausgelegt, einen Angriff mit solcher Wucht standzuhalten. Ein Schock für alle Festungsbaumeister und die Generalität sämtlicher Nationen.


Weitere Informationen - historische Quellen:
- Artillerie-Munitionsmerkblätter, 1918
- Geschützmunition, 1913


Festung


Entwicklung einer modernen Panzerfestung - die "Feste"

Durchstöbert man heute die Bestände verschiedener Bibliotheken, finden man reichlich Material über die heftigen Diskussionen, die in Deutschland über künftige Strategien im Festungsbau geführt wurden. Dabei standen zwei Dinge im Zentrum: (1) Wie soll(t)e man auf die neue Bedrohung durch Sprenggranaten reagieren? Und man befasste sich (2) intensiv damit wie man die nach Ende des Deutsch-französischen Krieges annektierten Region Elsass-Lothringen militärisch schützen könnte.

Die Traditionalisten (so möchte ich sie mal bezeichnen) setzten sich für den Ausbau vorhandener Festungen ein. Sie sollten verstärkt und gepanzert werden. Ihre Sicht war kostengetrieben. Andere Autoren - unter ihnen unter anderem Julius Meyer - setzten sich für die Entwicklung einer gänzlich neuen Angriffs- und Verteidigungsstrategie ein. Zitat:

Eine andere Richtung versucht mit allem Aufwand an technischen Mitteln, ein widerstandsfähiges Werk zu schaffen. Die Brisanzgeschosse haben dies unwirksam gemacht …
Was nützt die Festigkeit des Betons, des Granits und schwerer Panzerung, wenn es der Besatzung (bei feindlichem Artilleriefeuer bzw. einem Treffer mit einer Sprenggranate), unter dem Einfluss des Luftdrucks, der Gasvergiftung, der Erschütterung, Betäubung, nicht möglich ist, die Geschütze ... zu bedienen. Hier gibt's nur einen Ausweg: die Trennung der Kampfmittel und Unterstände, ihre Gliederung nach Front und Tiefe, die Benützung des Geländes als Deckungsmittel, wie es im Naturzustand sich vorfand, um sich der Sicht des Feindes zu entziehen. Nicht gesehen werden und doch selbst sehen, muss der leitende Gedanke bei Anlagen aller fortifikatorischen Bauten von jetzt ab sein."

Quelle: Julius Meyer - Metz durch Panzerfronten verteidigen - Frauenfeld - 1894 - Seite 40 u. 43
Link zur Quelle: Münchener DigitalisierungsZentrum - Digitale Bibliothek


Letztlich entschied sich das Kaiserreich für einen Mix aus beidem. Ich versuche es am Beispiel der Festung Metz zu erklären: (1) Vorhandene Festungen wurden modernisiert. Man wollte und konnte sie nicht aufgeben. Also verstärkte man das Mauerwerk der Festungen und versuchte die freistehende Artillerie zu schützen.

Am Beispiel Metz bezogen sich die Maßnahmen auf den sogenannten ersten Festungsring rund um die Stadt. (2) Man plante und realisierte neue Festungen, die man weit außerhalb der Stadt platzierte (zweiter Festungsring rund um Metz). Bei diesen Festungen setzte man die Ideen um, die unter anderem Julius Meyer vertrat.

Jetzt gab es allerdings noch ein semantisches Problem. Wie sollte man diese Festungen bezeichnen. Man entschied sich für den Begriff "Feste". Warum? In früheren Zeiten beschrieb das altdeutsche Wort "Veste" (ab dem 16. Jahrhundert auch "Feste" geschrieben) nichts anderes als eine Burg. Es wurde der Einfachheit halber von dem Adjektiv abgeleitet - also "fest". Irgendwann verschwand der Begriff, weil man von Burgen oder Festungen sprach ... nicht von einer Feste. Ende des 19. Jahrhunderts wiederum suchten die Architekten nach einem Begriff, der die neue Bauweise der seinerzeit entstehenden Festungsanlagen beschrieb. Und da die Worte "Fort" oder "Festung" im Regelfall mit einer herkömmlichen Bauweise verbunden wurden, grub man den altdeutschen Begriff der "Feste" wieder aus.


Weiter Informationen - historische Literatur:
- Julius Meyer: Metz durch Panzerfronten verteidigt, 1894
- Zeitschrift Eisen und Stahl: Panzerforts und Panzerfronten, 1894

Als "Feste" bezeichnet man im Festungsbau einen vom deutschen Kaiserreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts neu entwickelten Festungstyp. Die immer stärker gewordene Angriffsartillerie und die enorme Zerstörungskraft der Sprenggranaten machte es notwendig, die Geschütze der eigenen Festung, die den Fernkampf zu führen hatten, unter Panzerschutz zu stellen. Gleichzeitig musste der Infanterie, die für die Nahverteidigung der Festung verantwortlich war, durch betonierte Kasernen ebenfalls ein entsprechender Schutz geboten werden. Diesen erhöhte man, weil man die Artillerie- und Infanteriewerke im Gelände verteilte, damit sie weniger Angriffsfläche boten.

Moderne Panzerfestungen - sechs wesentliche Merkmale:

Ich bin kein Militärhistoriker, sondern nur ein interessierte Laie. Dennoch würde ich sagen, dass die Panzerfestungen des deutschen Kaiserreichs eine Weiterentwicklung bisheriger Strömungen im Festungsbau sind - nur konsequenter umgesetzt oder anders miteinander kombiniert. Bereits Montalembert schlug gegen Ende des 18. Jahrhunderts sogenannte detachierte Forts vor, damit sich der Angriff auf ein strategisch wichtiges Ziel nicht auf einem Punkt konzentriert, sondern verteilt, dadurch abgeschwächt wird und somit "besser zu verkraften" sein. Aus meiner Perspektive wurde die Idee bei der Feste aufgegriffen. Ferner: Der Umstand, dass Festungen nicht mehr "in die Höhe wuchsen", um der angreifenden Artillerie möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, wurde hier sehr konsequent umgesetzt - die Festungen wurden nämlich in die Erde gegraben. Wie gesagt: Das ist meine Ansicht und muss nicht von Fachleuten geteilt werden.

(1) Aufgelöste Bauweise

Was mit einer „aufgelösten Bauweise“ gemeint ist, versteht man, wenn man sich die bisherigen Forts und Festungen ansieht. Sie wurden kompakt errichtet – heißt alle Bauten der Festungen waren auf engem Raum zusammengefasst und direkt miteinander verbunden, um sie dann mit einem Graben zum Schutz der Festung zu umgeben. Unter einer aufgelösten Bauweise wiederum versteht man, dass die einzeln Kasematten (Infanterieunterkünfte, Artilleriestellungen etc.) im Gelände verteilt wurden. Dabei nutze man die natürlichen Gegebenheiten aus, um so einen maximalen Schutz für jedes einzelne Gebäude zu erreichen. Natürlich waren die einzelnen Kasematten miteinander verbunden, dazu aber gleich mehr.

Lageplane: Panzerfestung des deutschen Kaiserreichs
in Elsass-Lothringen

(2) Neue Bewaffnung: Panzertürme

Neben der aufgelösten Bauweise und der Verwendung von Stahlbeton als Baumaterial waren die modernen Panzertürme eine der wichtigsten Neuerungen, die bei Festungen, die nach 1890 errichtet wurden, installiert wurden. Es war unmöglich, die Artillerie weiterhin unter freiem Himmel zu positionieren. Das war einfach zu gefährlich. Also begann man die Geschütze durch Stahlkuppeln zu schützen. Diese Panzerkuppeln waren immer drehbar, manche von Ihnen auch versenkbar, was natürlich den Schutz bei feindlichem Feuer erhöhte.

  • Panzerturm einer deutschen Festung bei Metz (Feste Haeseler)
    Feste Haeseler
  • Feste Kaiserin
  • Festungsbau im 19. Jahrhundert - Panzertürme + Festungsartillerie - Feste Kronprinz - Festung bei Metz
    Feste Kronprinz
  • Festung Metz - deutsche Festungen rund um Straßburg - 19. - 20. Jahrhundert - www.festungen.info
    Feste Kaiserin
  • Feste Kronprinz - deutsche Panzerfestung bei Metz
    Feste Kronprinz
  • Festung Metz - Panzerbatterie Plappeville
    Batterie Plappeville
  • Festung Metz - Feste Luitpold - Groupe fortifié l'Yser - Metz - Frankreich
    Feste Luitpold
  • Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl (frz. Groupe fortifié St. Quentin) - Panzerbatterie
    Feste Friedrich Karl
  • Artilleriewerk - 15cm-Haubitzenbatterie - Feste Wagner - Groupe fortifié de l'Aisne - Metz - Frankreich
    Feste Wagner
  • Gepanzerter Beobachter - Feste Wagner - Groupe fortifié de l'Aisne - Metz - Frankreich
    Feste Kronprinz
  • Frankreich - Deutsche Festungen rund um Metz - Panzerbatterie - Feste Lothringen
    Feste Lothringen

Beispiele verschiedener Panzertürme deutscher Festungen bei Metz.
Siehe auch: Panzertürme und Festungsartillerie.

(3) Unterirdische Bauten

Nicht nur, dass man die einzelnen Elemente einer Festung im Gelände verteilte, sie wurden auch größtenteils unterirdisch angelegt, so dass sie nicht mehr hoch aufragten, mit dem umliegenden Gelände abschlossen und unterm Strich für die feindliche Artillerie kein weithin sichtbares Ziel mehr abgaben. Der Feind sah nur das Profil des Geländes und sollte so Probleme haben, die einzelnen Bauten gezielt anvisieren zu können. Obendrein verstärkte man „das Dach“ – die Bauten erhielten eine besonders dicke Schicht Stahlbeton als oberen Abschluss. Sollte es also doch zu einem direkten Treffer kommen, hätte diese das darunterliegende Gebäude zusätzlich geschützt. Dieser schützende Abschluss konnte bis zu zwei Metern dick sein. Dort wo das nicht der Fall war, wurden die Kasematten nachträglich „aufgekoffert“, also verstärkt.

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    Feste Luipold
  • Zentrales und unterirdisches Kraftwerk der Feste Freiherr von der Goltz - Groupe fortifié de la Marne - Metz - Frankreich
    Feste von der Goltz
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    Feste Luitpold
  • Feste Kaiserin
  • festung, feste, Luitpold, groupe, fortifie, yser, metz, frankreich,
    Feste Luitpold
  • Feste Kaiserin
  • Festung Metz: Feste Freiherr von der Goltz - Groupe fortifié de la Marne - Metz - Frankreich
    Feste Freiherr von der Goltz
  • Feste Kaiserin
  • festung, feste, Luitpold, groupe, fortifie, yser, metz, frankreich,
    Infanteriewerk Chesny Süd
  • Festung Metz - Sieben Zwerge - Infanteriewerk Bois-la-Dame
    Infanteriewerk Bois-la-Dame
  • Feste Kaiserin

Impressionen aus dem Inneren deutscher Festungen.

(4) Stahlbeton als Baumaterial

Festungen herkömmlicher Bauart wurden aus Ziegel- oder Bruchsteinen gemauert. Egal wie dick man die Wand auch machte, dieses Baumaterial hielt einem Beschuss mit Sprenggranaten nur bedingt stand. Es wurde brüchig und gab irgendwann nach. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde der Stahlbeton erfunden und fand schnell Eingang in den modernen Festungsbau. Leicht zu erstellen und deutlich stabiler als herkömmliches Baumaterial.

Festung Metz: Feste Freiherr von der Goltz - Groupe fortifié de la Marne - Metz - Frankreich

Eine Infanteriekasematte der Feste von der Goltz - errichtet aus modernem Stahlbeton und eingebettet in die Umgebung.

(5) Moderne Technik

Bei modernen Festungen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden, verteilten sich die einzelnen Infanterie- und Artilleriekasematten im Gelände. Allein dieser Umstand machte eine moderne Kommunikationstechnik notwendig, um den Kontakt zwischen den einzelnen Kasematten zu halten und im Fall der Fälle den Feuerkampf zu leiten.

Diese Festungen verfügten dementsprechend über moderne Telefonanlagen, die alles mit allem verbunden. Obendrein mussten diese Festungen über einen längeren Zeitraum autonom kämpfen können – in dieser Zeit war eine Versorgung von außen schlicht nicht möglich. Also installierte man in Ihnen Küchen, Bäckereien, medizinische Versorgung (die auch Operationen zuließen) und viele Dinge mehr.

Ein eigenes Kraftwerk, um den notwendigen elektrischen Strom zu erzeugen, ist dabei selbstredend. In dem Zusammenhang empfehle ich dir das gut erhaltene Kraftwerk der Feste von der Goltz. Es liegt tief unter der Erde (entsprechende Vorsicht ist also dringend geboten) und im Herzen der Festungsanlage.

Festung Metz: Feste Freiherr von der Goltz - Groupe fortifié de la Marne - Metz - Frankreich

Feste von der Goltz: Das unterirdische Kraftwerk der Festung - es ist heute noch gut erhalten.

(6) Wandel der Priorität

Dies ist meiner Ansicht nach der zentralste Punkte aller Neuerungen: Die neuen Festungen wurden nicht ohne Grund als "Panzerfestung" bezeichnet - es waren Artilleriefestungen. Die modernen Festungen gegen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts waren mit reichlich Artillerie ausgestattet - allesamt geschützt durch eine wahrlich wuchtige Panzerung, so dass die Panzertürme schnell etliche Tonnen wiegten.

Sie war ihre Hauptbewaffnung und sie hatten die Aufgabe, die Bewegungen des Feindes bereits in großer Distanz zu hindern. Die Reichweite ihrer modernen Geschütze betrug nicht selten etliche Kilometer. Anders als in den Jahrhunderten zuvor war gar nicht gewünscht, dass die feindlichen Truppen an die Festung heranrücken. Dementsprechend hatte die Infanterie der modernen Panzerfestungen "lediglich" eine Schutzfunktion. Sie wurde aktiv, wenn der Feind doch einmal durchbrechen sollte und zur Festung gelangt.

Festung Metz - Feste Prinz Friedrich Karl (frz. Groupe fortifié St. Quentin) - Panzerbatterie

Beobachtungsglocke aus Stahl der Feste Friedrich-Karl.

Festung


Beispiele deutscher Panzerfestungen in Elsass-Lothringen

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