Geschichte des Festungsbaus:

Französischen Panzerfestungen
der Barrière de Fer

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General Séré de Rivières
(1815 - 1895)

Das Système Séré de Rivières ist eine Festungslinie in Frankreich, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts errichtet wurde. Dabei wurden u.a. die Städte Verdun, Toul, Épinal und Belfort zu schwer bewaffneten Gürtelfestungen ausgebaut. Das Konzept stammte von General Séré de Rivières, der mit dem Bau des Festungswalls bis 1880 betraut wurde.

Mit dem Aufkommen moderner Brisanzgranaten löste man ihn nach heftiger Kritik ab. Der Ausbau seiner Festungen zu Panzerfestungen bzw. die Vollendung der Festungslinie fand unter der Leitung von Cosseron de Villeoisy statt.



Brisanzgranaten und Festungsbau

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden immer neue Kanonen mit größerer Reichweite und Treffgenauigkeit entwickelt. Dabei tat sich der Schwede Martin von Wahrendorff mit seiner Erfindung moderner Hinterlader und Geschütze mit gezogenem Lauf besonders hervor. Das war ab 1840. Gut vierzig Jahre später gab es einen weiteren und für den weiteren Verlauf des Festungsbaus zentralen Entwicklungssprung. Denn mit dem Aufkommen neuer Brisanz- bzw. Sprenggranaten - das waren Geschosse, die man mit TNT und ähnlich explosivem Material statt des relativ schwachen Schwarzpulvers füllte - stand im Festungskrieg eine deutliche zerstörerische Waffe zur Verfügung.

Schnell wurde klar, dass selbst moderne, just errichtete Festungen der Wucht der Explosionen nicht halte widerstehen konnten. Sie waren auf einem Schlag nutzlos. Jahres später erstellten die Deutschen zu Beginn des Ersten Weltkriegs eine Denkschrift, mit der sie die enorme Zerstörungskraft solcher Brisanzgranaten dokumentierten. Damals kam die Dicke Berta zum Einsatz; sie basierte letztlich aber auf den Wahrendorff'schen Erfindungen und man setzte Sprenggranaten ein - also Brisanzgranaten. Siehe: Die Beschießung von Lüttich, Namur und Antwerpen (interner Link).

Kurzum: Ab 1880 galten alle bis dahin errichteten Festungen als veraltet. Sie hätten bei einem Angriff mit modernen Geschützen und Brisanzgranaten nicht lange bestehen können. Das galt auch für die Festungen der gerade erst errichteten Barrière de Fer, dessen Baumeister der französische General Séré de Rivières war. Er sah sich fortan heftigster Kritik ausgesetzt und es kam zu Streit über den weiteren Ausbau der neuen französischen Festungslinie entlang der damaligen Grenze zu Deutschland, von dem man sich bedroht fühlte. Rivières wurde schlussendlich abgesetzt - seine Bauvorhaben jedoch fortgeführt. Mit Änderungen, die notwendig waren, um seine Festungen für den modernen Festungskampf zu wappnen.


Weitere Informationen:

- Dokumentation: Festungen der Barrière de Fer.
- Wissenswertes: Brisanzgranatenkrise.

Barrière de Fer - die neue französiche Festungslinie

Festungen in Frankreich - Festungen der Barrière de Fer

Festungen der Barrière de Fer 1874 - 1914

1870/71 ... der Deutsch-Französische Krieg ist beendet. Deutschland hatte einen Sieg über die Frankreich errungen. Vor allem einen schnellen Sieg, denn die Auseinandersetzung dauerte nicht einmal ein Jahr. Für Frankreich war das in mehrfacher Hinsicht eine bittere Niederlage:

(1) Man musste die französischen Regionen Elsass und Lothringen an das deutsche Kaiserreich abtreten und mit ansehen wie diese die Städte Metz, Thionville und Straßburg zur waffenstarrenden Festungen ausbauten. (2) Der 70er-Krieg offenbarte der französischen Generalität die enormen Schwächen des Militärs. Eine Neuausrichtung war zwingend notwendig. (3) Last but not least ergab sich durch die Annexion Elsass-Lothringen ein neuer, bis dato nicht gesicherten Grenzverlauf. Im Fall eines erneuten Krieges - und davon ging man damals auf beiden Seiten aus - hätten deutsche Truppen ungehindert bis Paris vordringen können.

Das war die Stunde von General Séré de Rivières. Er war Festungsbaumeister und hatte kurz vor Ausbruch des Krieges bereits den Auftrag erhalten, die wichtige Grenzstadt Metz militärisch auszubauen. Revières wurde also ins Kriegsministerium berufen und wurde mit der Errichtung einer neuen Festungslinie entlang der neuen deutsch-französischen Grenze beauftragt - der Barrière de Fer bzw. dem Système Séré de Rivières wie es die Franzosen später nennen werden. Damit sollten drei Ziele erreicht werden:

(1) Im Fall eines erneuten Krieges galt es, die deutschen Truppen bei ihrem Vormarsch auf Paris mindestens zu verlangsamen - optimalerweise zu stoppen. (2) Gleichzeitig hätte Frankreich mehr Zeit zur Mobilisierung seiner eigenen Truppen. (3) Die neue Festungslinie sollte Ausgangspunkt einer Offensive zur Rückgewinnung von Elsass-Lothringen sein.

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Impressionen von den Festungen der Barrière de Fer

Festung




Die Panzerfestsungen der Barrière de Fer

Die Franzosen und Deutschen erfasste zwischen 1871 - also dem Ende des Deutsch-französischen Krieges - und 1918 eine regelrechte Bauwut: Jeweils vom Nachbarn bedroht fühlend errichteten sie entlang der damaligen deutsch-französischen Grenze etliche neue Festungen oder bauten alte Festungsanlagen aus. Sowohl auf der deutschen als auch auf der französischen Seite entstanden somit ausgeklügelte Festungssysteme, die defensive Zwecke hatten aber auch als Ausgangpunkt von offensiven Attacken dienen sollten.

Beide Seiten mussten dabei auch auf die Entwicklung der Waffen- bzw. Artillerietechnik reagieren - insbesondere nach 1880, also dem Aufkommen moderner Brisanzgranaten. Die Konzepte beider Länder unterschieden sich wesentlich. Einig waren sie sich allerdings bei dem umstand, das die Geschütze einer Festung nicht mehr unter freiem Himmel platziert werden können, sondern das man sie stattdessen panzern musste. Frankreich als auch Deutschland waren seinerzeit führende Produzenten neuer Panzertürme. Das war es dann allerdings auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Grundlegend andere Konzepte verfolgte man beispielsweise beim Festungsbau selbst. Während die Deutschen die aufgelöste Form, also das Verteilen mehrerer Infanterie- und Artilleriewerke im Gelände bevorzugten, blieben die Franzosen bei recht kompakten Festungen. Deren Baupläne wurden zwar weitreichend angepasst, aber im Kern entsprachen sie den von General Séré de Rivières. Gleichwohl gab es zentrale Neuerungen, die ich nachfolgend kurz vorstelle.


Forts der Barrière de Fer - errichtet bis 1880

Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses.

Die Geschütze standen unter freiem Himmel
A = Kaserne und Versorgungsreinrichtungen
B = Munitionskammer (gemauert)
C = Zugang mit Zugbrücke
D = Kaponniere zur Verteidigung des Grabens

Der Grundriss der Rivières-Forts, die man zwischen 1874 und 1880 errichtete, war ein Polygonal. Sie waren jeweils von einem tiefen Graben umgeben. In Abhängigkeit von den Gegebenheiten vor Ort war ihr Grundriss verschieden. Das Mauerwerk bestand aus Quader- oder Ziegelsteine, was ebenfalls von dem vor Ort verfügbarem Material abhing. Sie waren in jedem Fall gemauert und bestanden nicht aus (Stahl-) Beton. Die verschiedenen Seiten des Fort bezeichnete man als 'face' (Gesicht ... die dem Feind zugewandte Seite), 'flancs' (Flanke) und 'gorge' (Kehle ... die Rückseite des Forts, wo der durch eine Zugbrücke gesicherte Zugang befand). Der durch Mauerwerk begrenzte Graben war sechs Meter tief und zwölf Meter breit. In ihm waren sogenannte Caponieren positioniert, von denen aus man den Graben verteidigen konnte. Innerhalb des Grabens gab es keinen 'toten Winkel' in denen sich Angreifer hätten verschanzen können.

Wie das gesamten Fort waren also auch die Kasematten im Inneren der Festung aus Stein oder Ziegeln gemauert. Obendrein bedeckte man sie mit einer dicken Erdschicht von zwei bis zu fünf Metern. Sie sollte die Sprengkraft der Geschosse ableiten und die Kasematten (also die sich dort befindlichen Soldaten) schützen. Alle Forts der Barrière de Fer waren auf den autonomen Kampf ausgerichtet. Sie verfügten über Lebensmittel- und Munitionsvorräte sowie Versorgungseinrichtungen (Krankenstation, Küche, Wassertanks etc.). Zentral und ein wesentlicher Unterschied zu späteren Festungen war die Positionierung der Artillerie unter freiem Himmel.

Mit dem Aufkommen moderner Brisanz- bzw. Sprenggranaten ab 1880 galten diese Festungen auf einen Schlag als veraltet. Die gemauerten Kasematten konnten (trotz der dicken Erdschicht) einem Beschuss nicht widerstehen und die frei stehende Artillerie war extrem gefährdet. Ein Treffer und sie wurde weitgehend ausgeschaltet. Da halfen auch nicht die Erdwälle, die man zwischen den einzelnen Geschützen vorsah.


Forts der Barrière de Fer - errichtet nach 1880

Quelle gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses au début du XXe siècle

Quelle: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France - Fortification cuirassée et les forteresses.

Die Geschütze werden von Panzertürmen getragen oder befinden sich in der Casemate de Bourges.
A = Versorgungseinrichtungen und Unterkünfte
B = Munitionskammer (betoniert) | C = Kaserne
D = Konterkaponniere (betoniert und unterirdisch zu erreichen)
F = Casemate de Bourges (mit Geschützen zur Deckung der Flanken)
G = Panzertürmer und gepanzerte Beobachter

Wie gesagt: Mit dem Aufkommen der Sprenggranaten ab 1880 galten alle zuvor errichteten Forts der Barrière de Fer als veraltet. Einige von ihnen (bei weitem nicht alle) wurden modernisiert. Und man entwickelte veränderte Baupläne, um auf die neue Form der Bedrohung zu reagieren. Im Wesentlichen veränderte man folgendes:

(1) Das Profil früherer Forts war bisher (gegenüber alten Vauban-Festungen) ziemlich flach, aber noch immer aufragend. Es wurde abgeflacht, so dass das Fort bei feindlichem Artilleriebeschluss weniger Angriffsfläche bot. >> siehe: Polygonalfestungen.

(2) Aus Steinen oder Ziegeln gemauerte Wände boten zu wenig Schutz. Hier setzte man auf Stahlbeton, weil dieser einfach herzustellen, aber bedeutend Widerstandsfähiger ist. Beides Zusammen (flachere Bauweise plus Stahlbeton) verminderte das Schadensrisiko bei einem Beschuss erheblich.

(3) Natürlich konnte die eigene Artillerie nicht mehr unter freiem Himmel positioniert werden. Sie war hier einfach zu gefährdet. Deswegen setzte man hier auf die 'Casemate de Bourges' (heißt: Die Geschütze wurden in eigens dafür vorgesehene Kasematten positioniert und waren so vor Beschuss geschützt). Später installierte man in den Forts dreh- und Versenkbare Panzertürme als Träger der Artillerie. >> siehe: Panzertürme.

(4) Vergleichbares geschah auch mit der Infanteriebewaffnung - also den Maschinengewehren zur Nahverteidigung des Forts. Sie wurden ebenfalls in gepanzerten Türmen (natürlich auch dreh- und versenkbar) installiert. >> siehe: Panzertürme.

(5) Last but not least begann man die Festungen zu elektrifizieren und an das zivile Stromnetz anzuschließen. Gelegentlich installierte man sogar erste primitive Fotovoltaikanlagen.

Schlussendlich kann man sagen, dass die Festungen der Barrière de Fer über die Jahre hinweg immer wieder angepasst und verändert wurden. Die verbauten Panzertürme wurden immer moderner. Dieser Prozess dauerte bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.

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