Der Wettlauf mit der Artillerie führte im 19. Jahrhundert zu modernen Panzerfestungen

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Artillerie mehrere Entwicklungsschübe: Es begann in den 1840er-Jahren mit der Einführung der Hinterladersysteme, gefolgt von Kanonen mit gezogenem Lauf und dem Aufkommen neuer Geschütztypen wie Haubitzen. Später folgten Geschütze mit Rohren aus gezogenem Stahl (statt Gusseisen oder Bronze) und Schnellfeuerkanonen, die man auf Lafetten montierte. Kurzum: Die Artillerie wurde immer Schlagkräftiger - die Geschütze hatten eine deutlich höhere Reichweite, konnten zunehmend größere Kaliber verschießen, ihre Treffgenauigkeit stieg und die Schussrate. Dann - in den 1880er-Jahren - kamen neue Brisanzgranaten auf. Das waren torpedo-ähnliche Geschosse, die man nicht mehr mit Schwarzpulver, sondern mit Explosivstoffen füllte. Ihre Zerstörungskraft übertraf die herkömmlicher Granaten um ein Vielfaches.

Natürlich gingen diese Entwicklungen nicht spurlos am Festungsbau vorbei. So wie es mehrere Schübe bei der Entwicklung der Artillerie gab, gab es als Reaktion darauf auf zeitlich versetzte Änderungen beim Bau neuer bzw. bei der Modernisierung bestehender Festungsanlagen. Ein Beispiel dazu:

Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts neue Hinterladersysteme eingeführt wurden, die eine höhere Reichweite hatten, waren die Festungssysteme, die man kurz zuvor zum Schutz strategisch wichtiger Städte errichtete, nutzlos. Sie lagen schlicht zu nah an der Stadt. Also begann man beispielsweise in Köln, einen weiteren Festungsring weit vor die Tore der Stadt zu verlegen, um so auf die neue Bedrohung zu reagieren. Diese Änderungen waren allerdings weniger grundlegend, weil man beim Bau neuer Festungen an bisherigen Bauplänen festhalten konnte. Preußische Festungen waren seinerzeit Polygonal-Befestigungen. Um sie schneller und kostengünstiger Errichten zu können, setzte man seinerzeit auf das Biehler'sche Einheitsfort - einer Standardblaupause zu Bau neuer Festungen.

Mit der Einführung der Brisanzgranaten in den 1880er-Jahren änderte sich das. Ihre enorme Zerstörungskraft zwang Festungsbauingenieure bisheriges komplett zu überdenken. Zwei Beispiele auch dazu: Bis dato positionierte man die Festungsartillerie unter freiem Himmel. Sie war nun enorm gefährdet. Obendrein mauerte man die Festungen aus Ziegel- oder Bruchsteinen. Derartige Werke konnten der Wucht der neuen Sprenggranaten nicht standhalten.

Es verwundert also wenig, dass in ganz Europa eine heftige Diskussion entbrannte wie auf diese neue Bedrohung zu reagieren sei. Immerhin waren Festungen seinerzeit eine wesentliche Stütze der Landesverteidigung. Man konnte nicht so einfach auf sie verzichten. Ein Beitrag zu dieser Diskussion ist in dem Buch "Metz durch Panzerfronten verteidigen" zu entnehmen. Ein Buch, welches Anfang der 1890er-Jahren von Julius Meyer verfasst wurde. Dort ist zu lesen:

Eine andere Richtung versucht mit allem Aufwand an technischen Mitteln, ein widerstandsfähiges Werk zu schaffen.
Die Brisanzgeschosse haben dies unwirksam gemacht …
Was nützt die Festigkeit des Betons, des Granits und schwerer Panzerung, wenn es der Besatzung (bei feindlichem Artilleriefeuer bzw. einem Treffer mit einer Sprenggranate), unter dem Einfluss des Luftdrucks, der Gasvergiftung, der Erschütterung, Betäubung, nicht möglich ist, die Geschütze ... zu bedienen. Hier gibt's nur einen Ausweg: die Trennung der Kampfmittel und Unterstände, ihre Gliederung nach Front und Tiefe, die Benützung des Geländes als Deckungsmittel, wie es im Naturzustand sich vorfand, um sich der Sicht des Feindes zu entziehen. Nicht gesehen werden und doch selbst sehen, muss der leitende Gedanke bei Anlagen aller fortifikatorischen Bauten von jetzt ab sein."

Quelle: Julius Meyer - Metz durch Panzerfronten verteidigen - Frauenfeld - 1894 - Seite 40 u. 43
Link zur Quelle: Münchener DigitalisierungsZentrum - Digitale Bibliothek

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